Von Jeannett Tschiersky und Ali Bülbül, Deutscher Kitaverband
Die kommende Legislaturperiode wird darüber entscheiden, wie Berlin mit einem grundlegenden Wandel seiner Kita-Landschaft umgeht. Nach Jahren, in denen vor allem zusätzliche Plätze geschaffen werden mussten, sinken inzwischen die Kinderzahlen und damit in vielen Kitas die Belegungen. Was zunächst nach einer Entlastung klingt, stellt das System vor neue Herausforderungen: Mieten, Personal- und Betriebskosten bleiben hoch, während die Anforderungen an Qualität, sprachliche Bildung und Teilhabe weiter steigen.
Zusätzlich wurden mit dem KitaFöG Finanzierungsstrukturen geändert, die die wirtschaftliche Grundlage vieler Kita-Träger unsicherer machen. Für viele Träger geht es demnächst um die Existenz, für das Land Berlin darum, ob es die demografische Entwicklung als Chance für eine bessere frühkindliche Bildung nutzt – oder zulässt, dass gewachsene Strukturen verschwinden, die später kaum wieder aufgebaut werden können.
Innerhalb Berlins entwickeln sich die Kinderzahlen sehr unterschiedlich. Während Kitas in einem Bezirk freie Plätze haben, kann die Situation wenige Kilometer weiter ganz anders aussehen. Sinkende Kinderzahlen dürfen nicht zu einem berlinweit ungesteuerten Abbau von Kita-Plätzen führen. Hinzu kommt: Eine Kita, die heute schließt, lässt sich nicht kurzfristig wieder eröffnen. Räume, Fachkräfte und gewachsene Netzwerke im Sozialraum sind dann verloren.
Freie Kapazitäten sollten vielmehr genutzt werden, um Gruppen planvoll zu verkleinern, bislang nicht erreichte Kinder für die Kita zu gewinnen oder Einrichtungen noch stärker für Familien, den Sozialraum oder für andere Angebote der Kinder- und Jugendhilfe zu öffnen. Fachkräfte müssen im System gehalten werden. Wer heute Personal verliert, wird es morgen nur schwer zurückgewinnen. Dabei gilt es, die Trägervielfalt zu sichern. Freie Träger übernehmen 80 Prozent der frühkindlichen Bildung in Berlin. Wenn das Land eigene Strukturen absichert, müssen auch freie Träger unter vergleichbaren Bedingungen handlungsfähig bleiben.
Sprachliche Bildung ist der Kern guter Kita-Arbeit. Kinder lernen Sprache im Gespräch, im Spiel, beim Vorlesen und in stabilen Beziehungen. Die Debatte über eine Rückkehr der Vorschule führt in die falsche Richtung. Berlin braucht keine zusätzliche Bildungsstruktur zwischen Kita und Schule. Statt schulische Lernformen vorzuziehen, sollte das Land die alltagsintegrierte Sprachbildung über die gesamte Kita-Zeit stärken. Zugleich muss sich auch die Institution Schule stärker auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder einstellen, statt fehlende Förderung den Kitas anzulasten.
Der neue Partizipationszuschlag soll Kitas mit erhöhtem Unterstützungsbedarf zusätzliche Ressourcen gewähren. Gleichzeitig ersetzt er die bisherigen Personalzuschläge und wird damit zum zentralen Instrument für die Förderung belasteter Einrichtungen. Seine alleinige Orientierung am Bezug von Leistungen für Bildung und Teilhabe greift jedoch zu kurz: Der Sozialleistungsbezug allein bildet den tatsächlichen sprachlichen und pädagogischen Unterstützungsbedarf eines Kindes nur unzureichend ab.
Hinzu kommt die starre 20-Prozent-Schwelle: Einrichtungen können erheblichen Unterstützungsbedarf haben und dennoch vollständig aus der Förderung fallen, wenn nur wenige Kinder zur Quote fehlen. Zudem stehen für bereits betreute Kinder mit Sprachförderbedarf keine zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung. Diese Aufgabe bleibt an den Trägern und ihrer angespannten Grundfinanzierung hängen.
Zielgenauer wäre ein einrichtungsbezogener Sozialindex, der soziale Lage, Sprachförderbedarf und Bedingungen des Sozialraums verbindet. Die notwendigen Daten liegen an vielen Stellen bereits vor. Sie sollten von der Verwaltung zusammengeführt werden, statt Kita-Leitungen mit immer neuen Abfragen und Nachweisen zu beschäftigen.
Die kommende Landesregierung muss demografische Entwicklung, Qualitätsanforderungen, Kita-Finanzierung und Bürokratieabbau zusammendenken. Berlin braucht nicht die nächste Reihe befristeter Einzelprogramme, sondern ein verlässliches Betriebsmodell für seine Kitas. Wer mehr Sprachbildung, Teilhabe und pädagogische Qualität erwartet, muss auch die dafür notwendigen personellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen. Die neue Landesregierung sollte dabei die freien Träger nicht nur als Leistungserbringer, sondern als Partner bei der Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung verstehen.
Der Rückgang der Kinderzahlen bietet Berlin die einmalige Chance, die Kita-Landschaft vorausschauend weiterzuentwickeln. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wie viele Kita-Plätze Berlin kurzfristig einsparen kann. Sondern welche Kita-Landschaft die Stadt in zehn Jahren braucht – und welche Strukturen dafür heute erhalten und weiterentwickelt werden müssen.
Ali Bülbül ist Vorstandsmitglied des Landesverbands Berlin des Deutschen Kitaverbandes. Bülbül ist geschäftsführender Gesellschafter der Eventus Bildung. Der gemeinnützige Bildungsträger betreibt 15 Kindertageseinrichtungen und acht FBO-Einrichtungen für geflüchtete Kinder sowie eine staatlich anerkannte Fachschule für Sozialpädagogik und eine Akademie für pädagogische Fort- und Weiterbildung.
Jeannett Tschiersky ist Mitglied im Vorstand des Landesverband Berlin des Deutschen Kitaverbands des Bundesvorstands. Die ehemalige Bereichsleiterin beim Kita-Träger Fröbel leitet seit Anfang August die Geschäfte des Trägers Dussmann KulturKindergarten mit deutschlandweit acht betriebsnahen bilingualen Kitas.
Über den Deutschen Kitaverband
Der Deutsche Kitaverband.Bundesverband freier unabhängiger Träger von Kindertagesstätten e.V vertritt die Interessen freier Kita-Träger auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene und setzt sich für gute Rahmenbedingungen, Trägervielfalt, faire Finanzierung und hohe Qualität in der frühkindlichen Bildung ein. Ziel des Verbands ist ein Kita-System, in dem jedes Kind unabhängig vom Träger Zugang zu hochwertiger frühkindlicher Bildung erhält.
Credits Titelfoto:
Jeanett Tschiersky: Jeanett Tschiersky, Ali Bülbül: Eventus Bildung, Collage: Marco Fechner

