Eine Mutter aus unserer Grundschule schickte mir vor einiger Zeit, als es wieder um die Schulanmeldungen zur siebten Klasse ging, einen Screenshot aus ihrem Klassenelternchat:

eine Liste. Rund ein Dutzend weiterführende Schulen, sortiert nach Aufnahme- und Abiturdurchschnitt, versehen mit Kommentaren wie „solide“, „kann man machen“ und einmal, bei einer Schule in Reinickendorf, nur ein einziges Wort: „Nein.“ fünf Daumen nach oben.

Ich habe darüber nachgedacht, was diese Liste eigentlich aussagt und mich zuletzt dazu entschieden, hier mal ein paar Zeilen dazu zu verlieren.  

Schulrankings. Warum und wozu eigentlich?

Solcherlei Schulrankings gehören in Berlin zum informellen Grundrauschen der Elternkommunikation. Sie kursieren insbesondere in Chatgruppen und die Schulen, die sich am einen oder anderen Ende der Berliner Bildungslandschaft befinden, tauchen auch in der Tagespresse immer mal wieder auf. Wahlweise als Vorzeigeschule, oder als „Schule, in die keiner möchte“.

Die Währung in diesen Rankings sind die Durchschnittsnoten bei der Aufnahme zur siebten, teilweise auch zur fünften Klasse und die späteren Abiturnoten. Was diese Schulrankings und die daraus entstehenden Debatten jedoch nie verraten: wie gut die Arbeit ist, die die jeweilige Schule wirklich leistet.

Das Problem mit den Durchschnittszenturen ist bei näherem Hinsehen wenig überraschend:

Sie messen weniger, wie gut eine Schule lehrt, sondern vielmehr, wen sie aufnimmt.

Zudem beschreiben sie häufig auch nicht das Potential von Schüler:innen, sondern wie gut diese im „System Schule“ zu dessen Bedingungen funktionieren. Fragen sie mal bei den oberen 10 Prozent der Berliner Gymnasien nach, wie viele Kinder mit „besonderen Bedarfen“ im letzten Jahrgang aufgenommen wurden und welche Quote sich an der Gesamt-Schüler:innenzahl dadurch ergibt und vergleichen die Antwort mit den Zahlen anderer Gymnasien oder durchschnittlichen Integrierten Sekundarschulen.

Was wirklich interessant wäre

… ist der Zuwachs: wie viel hat eine Schule aus dem gemacht, was ihre Schüler:innen bei der Aufnahme mitgebracht haben?

Eine Schule, die benachteiligte Kinder zu einem soliden mittleren Schulabschluss (MSA) bringt, steht Schulen in nichts nach, die Kinder mit besseren Startbedingungen mit guten Noten durchs Abitur bringen. Möglicherweise macht sie sogar die bessere Arbeit, aber dennoch sieht sie im Ranking schlechter aus.

Ebenso wichtig: in welchem gesundheitlichen Zustand sind die Jugendlichen nach dem Schulabschluss? Das Abitur nach 12 Schuljahren ist und bleibt ein erheblicher Stress für die Jugendlichen und auch das Schulklima macht viel mit Jugendlichen. 

„Das beste Schulranking wäre eines, das misst, was Schulen aus dem mitgebrachten Potential ihrer Schüler:innen machen und nicht, wen sie aufnehmen. Ein solches Ranking existiert in Berlin nicht.“

 

Hinzu kommt: Abiturdurchschnitte schwanken von Jahr zu Jahr unter Anderem durch Prüfungsthemen, Kurswahlen, Kohorteneffekte. Der Schnitt vom vergangenen Jahr ist insofern nur bedingt vergleichbar mit weiteren vorangegangenen Jahren, oder eine belastbare Prognose für die Zukunft. 

Eltern suchen Orientierung

Wenn man eine Schulentscheidung für sein Kind trifft, will man Orientierung. Man will wissen: Ist diese Schule gut? Wird mein Kind dort gefördert? Bekommt es das, was es braucht? Das sind berechtigte Fragen und ein Ranking, das auf Noten basiert, fühlt sich im ersten Moment objektiv an, aber das ist es mitnichten. 

Was ich als Vater stattdessen mache und als Elternvertreter auch anderen Eltern empfehle:

Ich gehe zu Tagen der offenen Tür und nehme mein Kind mit. Kinder haben einen guten Sensor für Schulen, in denen sie lernen möchten, weil sie sich wohl fühlen. Ich schaue mir an, was die Schule außerhalb des Pflichtprogramms anbietet: Projekte, AGs, Kooperationen und überlege mit meinem Kind, ob das zu ihm passt.

 Ich schaue mir die Profile von Schulen an und rede mit Eltern, deren Kinder bereits dort sind. Ich höre dabei nicht nur auf das, was sie sagen, sondern auch auf den Ton, in dem sie es sagen.

Ich frage nach Klassengrößen und dem Unterrichtsausfall der letzten zwei Jahre und danach, wie die Schule mit diesem in der Folge umgeht.

Ich informiere mich darüber, wie eine Schule mit Kindern umgeht, die „nicht ins Raster“ passen, oder in schwierigen Lebenslagen stecken. Wenn mir eine Schule auf diese Fragen stolz erzählt, dass sie eine/n Sozialarbeiter/in hat und mit dem SIBUZ zusammenarbeitet, insbesondere ohne tiefergehende Erläuterungen, kann man schlussfolgern, dass man kaum über das hinausgekommen sein wird, was Jugendliche das „bare minimum“ nennen und was ohnehin von der Bildungsverwaltung vorgesehen ist.

Ich finde heraus: wie spricht die Schulleitung über Probleme? Wer kommt zum Tag der offenen Tür: hauptsächlich Eltern aus dem räumlichen Umfeld der Schule, oder auch von weiter weg?

Wie und mit welchen Professionen ist das Kollegium ausgestattet und wie reden die unterschiedlichen Professionen übereinander und über die Zusammenarbeit?

Wichtig bleibt bei alledem: man selbst muss diese Entscheidung mit und für das eigene Kind treffen. Nicht jede Schule und jedes Kind passen zusammen und zwei Familien, deren Kinder die gleiche Schule besuchen, können zu völlig unterschiedlichen Bewertungen über die Arbeit der Schule kommen. 

Vogelperspektive

Und letztlich gilt auch hier wieder: die Notwendigkeit, so bei der Schulsuche vorzugehen, benachteiligt schon wieder diejenigen Kinder, deren Eltern hierzu nicht die Kapazitäten oder Fähigkeiten haben. Und an dieser Stelle wird ein individuelles Problem zur politischen Aufgabe. 

Die Wahrnehmung in Zensurenrankings hat reale Auswirkungen auf Schulen.

Schulen, die als „gut“ gelten, erhalten mehr Bewerbungen, können selektiver aufnehmen und verbessern damit ihren Durchschnitt weiter. An einem Pankower Gymnasium wurden im vergangenen Jahr Plätze bereits bei einem Schnitt von 1,0 gelost, weil es mehr Schüler:innen gab, die mit diesem Schnitt von der Grundschule an die Schule wollten, als Plätze an der Schule im neuen Jahrgang verfügbar waren.

Das Gegenteil gilt an anderen Schulen, beispielsweise an denen, die selbst nach Aufnahme aller „Drittwünsche“ zur siebten Klasse noch freie Plätze haben.

Hinzu kommt:

Schulen, die als „schwach“ gelten, verlieren häufig die engagiertesten Eltern an die „Konkurrenz“, erhalten dadurch eine Schülerschaft, die mehr Unterstützung der Schule benötigt und kämpfen häufig mit einem höheren Anteil an quer- oder seiteneingestiegenem Lehrpersonal.

Während die einen Schulen sich nach oben segregieren, kämpfen andere damit, nicht abgehängt zu werden. Auf diese Weise macht jeder Senat aufs Neue die Erfahrung mit vermeidbaren Brandbriefen, denen dann medienwirksam und in einem Anflug von Aktionismus mit viel Geld, Personal und Schulentwicklung begegnet wird.

Rankings allein auf der Basis von Zensuren verstärken so die Ungleichheiten, die sie vorgeben, zu beschreiben. Die Bildungsverwaltung arbeitet seit mehreren Jahren mit der sogenannten „Schultypisierung“ zur Verteilung von Mitteln, aber auch diese ist nicht hilfreich bei der Schulwahl.

Gegen diese Ungleichheiten könnte vorgegangen werden, das würde aber unbequeme Fragen aufwerfen: 

  • Warum ist Lehrpersonal in Berlin so ungleich verteilt und was müsste man dagegen tun?
  • Wer profitiert davon, dass sich Schulgemeinschaften abgrenzen?
  • Ist die Wahlfreiheit bei den weiterführenden Schulen wirklich ein Gewinn und wenn ja, für wen und für wen nicht?
  • Was müsste getan werden, damit die Wahlfreiheit keine sozialen Probleme verstärkt? 

Rankinglisten könnten nützlich sein… 

…wenn sie das Schulprofil, Sozialindizes und den Lernzuwachs, den eine Schule verursacht einbeziehen und Trends über mehrere Jahre zeigen würden, statt Momentaufnahmen eines einzigen Kennwerts.

Das PISA-Wohlbefindensmodell unterscheidet fünf Dimensionen des Wohlbefindens (kognitiv, psychologisch, sozial, physisch, materiell). Berlins „Handlungsrahmen Schulqualität“ umfasst sechs Qualitätsbereiche.

Elternwhatsappgruppen verwenden häufig eine und in Reinickendorf bekommt eine Schule gerade nicht mit, dass sie per Ferndiagnose durchs Raster gefallen ist.

Insofern gilt: gehen Sie persönlich in verschiedene Schulen, bevor Sie ihr Kind an einer anmelden. Und gehen Sie auch in Schulen, die sich in Zensuren-Ranglisten nicht ganz oben bewegen. Es könnte passieren, dass Sie positiv überrascht werden.

Beitragsbild: Marco Fechner/openAi