In der vergangenen Woche wurden die Schulplatzbescheide für die weiterführenden Schulen verschickt und die altbekannten Baustellen machten sich auch in diesem Jahr bemerkbar. Eine von diesen ist der Schulplatzmangel insbesondere und auch im Bezirk Pankow.
Das Bezirksamt Pankow teilte in der vergangenen Woche per Pressemitteilung mit, dass 91,4% der Pankower Kinder einen Platz an ihrer jeweiligen Erstwunschschule erhielten.
Weitere Kinder konnten über ihren Zweit- und Drittwunsch an einer Schule im Bezirk versorgt werden. Lediglich 62 Kinder mussten an einer Schule außerhalb des Bezirks Pankow untergebracht werden.
Im Vergleich zu den Vorjahren wirken 62 Kinder wie ein voller Erfolg, war die Zahl der Kinder, die nach Charlottenburg, Spandau, Steglitz-Zehlendorf etc. pendeln mussten, in den zurückliegenden Jahren alljährlich deutlich dreistellig.
Ein Grund zur Freude…
…aber in dieser Kurzfristigkeit der Entwicklung auch ein Anlass, mal genauer auf die Zahlen zu schauen. Einen Teil dieser Zahlen gab es in der gestrigen Sitzung des Schulausschusses der Bezirksverordnetenversammlung Pankow von Schulstadtrat Jörn Pasternack (CDU).
Bestandsaufnahme:
3.148 Pankower Kinder wechseln in diesem Sommer von Klasse 6 nach Klasse 7.
Diesen stehen 2.880 Plätze an den öffentlichen Pankower Schulen gegenüber.
Das ergibt ein rechnerisches Defizit von 268 Plätzen.
91,5% der Pankower Kinder und Jugendlichen könnten somit mit einem Schulplatz im Bezirk versorgt werden.
Wie kam es dann zur Meldung…
…der nur noch 62 Schülerinnen und Schüler, die woanders hin müssen?
Die Differenz zwischen den genannten 268 Plätzen, die vorerst noch fehlten, zu den gestern genannten noch offenen 62 Plätzen ergibt sich laut Stadtrat Pasternack dadurch, dass Eltern von über 200 Kindern ihr Kind zwischenzeitlich selbst an einer Schule in einem anderen Bezirk, oder an einer Schule in freier Trägerschaft angemeldet haben.
Das Konzept der „Ersatzschule in freier Trägerschaft“ wird in dieser Lage untergraben, da diese eigentlich ein Zusatzangebot sein sollten und kein Beitrag dazu, die selbst verschuldeten Defizite der Bezirke auszugleichen. Wenn ich als Elternteil darauf angewiesen bin, mein Kind im Zweifel an einer kostenpflichtigen Schule anzumelden, dann läuft etwas sehr falsch.
Bemerkenswert ist auch noch etwas Anderes, nämlich die Zahl der 2.880 angebotenen Plätze. Es wurden, wie gestern auch offiziell bekannt wurde, in diesem Jahr erneut Klassen an bereits bestehenden Schulen eingerichtet, jedoch ohne zusätzliche Räume zur Verfügung zu stellen. Das erhöht die Zahl der verfügbaren Schulplätze, macht aber die Schulen mit allen Folgen noch voller.
Nach gestriger Aussage von Bezirksstadtrat Pasternack handelt es sich in diesem Jahr um zusätzliche sieben Klassen, die sowohl an Gymnasien, als auch an Integrierten Sekundarschulen eröffnet wurden. Wie anderweitig zu erfahren war, gehört auch eine weitere Klasse an einer Gemeinschaftsschule zu diesen sieben Klassen.
„Ich freue mich sehr, dass es dem Bezirk Pankow auch in diesem Jahr gelungen ist, jedem Kind einen Schulplatz für die siebte Klasse zur Verfügung zu stellen. Angesichts der weiterhin angespannten Schulplatzsituation ist das keine Selbstverständlichkeit. Mein besonderer Dank gilt den Pankower Schulen, die mit großem organisatorischem Einsatz vieles möglich gemacht haben […]“.
Jörn Pasternack (CDU), Bezirksstadtrat für Schule, Sport und Facility Management
Die sich dadurch ergebende absolute zusätzliche Zahl an Schülerinnen und Schülern konnte der Stadtrat gestern nicht beziffern. Da die Sekundarschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien unterschiedliche Klassengrößen haben, gibt es hier eine Schwankungsbreite. Bezirksstadtrat Pasternack wollte dem Ausschuss diese Zahlen noch nachliefern.
Da die Schulklassen seit Jahren in voller Frequenz belegt werden, ist von schätzungsweise 200 zusätzlichen Kindern auszugehen, die durch neu eingerichtete Klassen einen Platz an ihrer Schule fanden.
Das eigentliche Defizit in diesem Jahr in Pankow liegt also nicht bei 62 Plätzen, sondern ergibt sich zusätzlich aus den rund 200 Kindern, die von sich aus in andere Bezirke, oder in die freie Trägerschaft gewechselt sind sowie den rund 200 Kindern in den neu eingerichteten siebten Klassen.
„Ich hab‘ gleich gemerkt, das ist ein Druckschmerz, wenn man draufdrückt.“
(Lothar Matthäus, ehem. Fußballprofi.)
Es geht also um rund 460 eigentlich benötigte Plätze, die das Bezirksamt Pankow in diesem Jahr selbst nicht anbieten kann. Das bedeutet, dass jedes siebte Pankower Kind entweder „über den Durst“ in bestehende Schulen zugewiesen wurde, oder mehr oder weniger freiwillig „abgewandert“ ist.
Die Darstellungen des Bezirksamts Pankow in dieser Sache sind insofern in Teilen irreführend.
„Die Zahlen des Stadtrates sind schöngerechnet. 62 Schüler ohne Schulplatz im Bezirk klingt wie ein Erfolg auf ganzer Linie. Super für den Wahlkampf aber fahrlässig angesichts der Debatte um knappe Kassen und sinkende Geburtenraten. Pankow braucht immer noch dringend mehr Schulplätze!“
(Katja Ahrens (SPD), stellv. Vorsitzende des Schulausschusses der BVV Pankow)
Zusätzliche Klassen. Ein pragmatischer Weg, oder eine Zusatzbelastung?
Die Einrichtung zusätzlicher Klassen kann ein pragmatischer Weg sein, wenn dieser vorübergehend ist. Nicht zuletzt hängt die Schulqualität an der Frage, wie voll die Schulen sind.
Die Einrichtung zusätzlicher Klassen ist jedoch bereits seit Jahren ein immer wieder geübter Weg.
Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium beispielsweise wuchs durch zusätzliche Klassen seit 2012 von 780 Schülerinnen und Schüler auf heute 943 Schülerinnen und Schüler, also um rund 21%. Das Carl-von-Ossietzki-Gymnasium wuchs im gleichen Zeitraum von 970 auf 1.123 Schülerinnen und Schüler (+15%), das Heinrich-Schliemann-Gymnasium von 855 auf 1.204 Schülerinnen und Schüler (+40%) und das Felix-Mendelssohn-von-Bartholdy-Gymnasium sogar von 767 auf 1.358 Schülerinnen und Schüler (+78%).
Quelle: https://www.gymnasium-berlin.net/
An den Sekundarschulen sind ähnliche die Zuwächse ersichtlich.
Kurzum:
Pankows Schulen platzen seit Jahren aus allen Nähten. Das führt zum Verschwinden von Teilungsräumen, häufig sogar von festen Klassenräumen, an Angebote wie Schulbibliotheken ist in einer solchen Lage kaum noch zu denken. An einigen Schulen drängt sich ein Unterricht im Schichtbetrieb auf, wenn das Bezirksamt so weitermacht. An Inklusion ist bei einer derartigen Überbelegung ebenfalls kaum noch zu denken.
Diese Überbelegungen führen zudem auch zu viel mehr Lärm, zu weniger Platz pro Kind in Gebäuden und auf Schulhöfen und es macht auch einen Unterschied, ob Sanitäranlagen von 850, oder von über 1.200 Jugendlichen benutzt werden.
Die Einrichtung weiterer Klassen hilft somit lediglich der Statistik, nicht jedoch den Schulgemeinschaften und auch nicht den Schülerinnen und Schülern. Diese können sich zwar über einen wohnortnahen Schulplatz freuen, aber zu welchem Preis?
Beitragsbild: Marco Fechner / OpenAi

