Inklusion und Diagnosenirrsinn. Und Anpassungsstörungen der Berliner Schulen.

Neulich unterhielt ich mich als Elternvertreter lange mit einer Mutter über ihr Kind, über Förderbedarfe und Diagnosen. Und auch über Anpassungsstörungen, letztere aber bezogen auf das Bildungssystem, wenn es um Kinder geht, die nicht ins kleine Raster der Berliner Stundentafeln, Rahmenlehrpläne und Personalzumessungen passen.

Das Gespräch hat mich noch lange beschäftigt und ich habe auch lange überlegt, ob ich hier auf der Seite ausnahmsweise mal nicht „von oben“ auf ein Bildungsthema draufzuschauen versuche, sondern über meine sehr persönliche Perspektive auf das Thema „Inklusion“ schreiben und meine Leser:innen im Zweifel damit behelligen möchte.

Ich habe mich dafür entschieden. Weil ich das gern mal etwas greifbarer machen möchte und vielleicht trägt es sogar im Rahmen meiner Möglichkeiten dazu bei, einen Zugang zum Thema zu schaffen, oder vielleicht sogar das eine, oder andere Vorurteil abzubauen.

 

Ich bin depressiver Epileptiker mit kognitiver Hochbegabung

Ich bin froh, dass meine Epilepsie erst im Erwachsenenalter „dazukam“ und dass ich schon in den 1990ern zur Schule gegangen bin, als die Schulen für die Themen „Depression“ und „Kognitive Hochbegabung“ (wobei ich bei Letzterer lieber von „Andersbegabt“ spreche, weil ich weder Grund, noch Sinn sehe, das zu hirarchisieren) viel weniger sensibilisiert waren.

Sowohl die Depressionen, als auch die Hochbegabung wurden bei mir erst mit Anfang 20 ärztlich „nachgewiesen“.

Beides hat für mich zu keiner guten Schulzeit geführt, aber dennoch bin ich froh, dass beides erst hinterher festgestellt wurde, bzw. dass ich nicht heute zur Schule gehe, in einer Zeit, in der Sozial- und Sonderpädagog:innen in der Lage sind, solche Anlagen zu erkennen und mit ihnen umzugehen.

 

Die Suche nach dem Passierschein A38

Das mag widersprüchlich klingen, aber es wird vielleicht verständlicher, wenn man sich anschaut, welchen Rummel die Anerkennung von Förderbedarfen, die Erstellung von Diagnosen und insbesondere das Vorhandensein von Gleichzeitigkeiten von Anlagen und Diagnosen im Schulwesen heutzutage auslösen. Und wie lange die Bereitstellung von Hilfen oft dauert. Wie lange es dauert, bis die eigentlich vorhandene Sonderpädagogin die Stunden zugewiesen bekommt, um mit dem Kind auch offiziell arbeiten zu können.

Und wenn man sieht, welche Auswirkungen auf Kinder und Familien dieser Rummel hat. Weil Kinder irgendwann glauben, dass sie selbst das Problem sind und nicht etwa das Bildungswesen, das überfordert ist, wenn kein Schüler den Raum betritt, sondern ein Mensch. Und weil Eltern irgendwann selbst anfangen, zu verzweifeln.

Besonders kompliziert scheint es für die Schulen zu sein, wenn man darauf hinweisen möchte, dass ein Kind mehr ist, als die Summe seiner Diagnosen und Anlagen.

Natürlich hätte ich mir Hilfe gewünscht. Und natürlich wünsche ich allen heutigen Kindern, dass sie Hilfe bekommen. Ich habe aber häufig den Eindruck, dass die bestehenden Abläufe und Verfahren die jeweilige Situation noch schlimmer machen, als sie oft ohnehin schon ist. Es ist ein Drama, was sich da zwischen Schulen, SIBUZen, Jugendämtern, Ärzt:innen und möglicherweise noch weiteren Stellen, aber auch Familien und ihren Kindern abspielt.

Mir scheint es erträglicher zu sein, keine Hilfe zu bekommen, als keine Hilfe zu bekommen und zusätzlich von Pontius zu Pilatus geschickt und verunsichert zu werden.

 

Wie kann es sein…

…dass Familien nachweisen müssen, dass ihre Kinder nicht in die Erwartungen des Systems passen, wenn es doch das System ist, dass die Erwartungen definiert und das Kind täglich im Unterricht erlebt? Wenn „das System“ die Kinder gleichzeitig zur Einhaltung der Erwartungen verpflichtet und das aufgrund vorhandener Sonderpädagog:innen eigentlich selbst oft weiß, was zu tun wäre und was benötigt wird?

Dies ist übrigens keine Kritik an den Pädagog:innen in den Schulen. Diese müssen selbst in diesen kaputten Strukturen arbeiten.

 

Der Irrsinn des gegliederten Schulsystems…

…wird im Fall von Kindern mit vermeintlichen Förder- (und auch Forder-)bedarfen und „Diagnosen“ besonders deutlich.

Hätte ich wegen der Epilepsie auf ein Förderzentrum gehen sollen, oder wegen der Hochbegabung auf ein Gymnasium mit Schnelllernerklassen? Wie hätte ein Gymnasium mit seinem engen Raster mit einem depressiven Schüler umgehen können, der aber vermutlich alle Voraussetzungen mitbringt, um die Anforderungen des Abiturs grundsätzlich zu erfüllen?

In meinen Zeugnissen stand durchgängig, aber in verschiedensten Formulierungen „Marco ist ein Kind mit schneller Auffassungsgabe, aber leicht ablenkbar.“ Letztlich fand ich den Weg auf eine Realschule, weil mein zurückgezogenes Verhalten nach außen so unauffällig war, wie meine Zensuren. Für eine 3 hat es irgendwie immer gereicht, was auf Lehrkräfteseite offenbar keinen Handlungsbedarf angezeigt hat.

 

Eine krude Mischung

Die Kombination aus Hochbegabung, Depression und Epilepsie ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Stellen Sie sich einen Marathonläufer vor, der im Wechsel sprintet, sich zwischendurch hinwirft, dann wieder aufsteht, stehend die Atmosphäre im Stadion in sich aufnimmt, sich aus von außen nicht erkennbaren Gründen eine Fußfessel mit Gewicht ans Bein bindet, sich an den Rand setzt und irgendwann unvermittelt weiterrennt.

Letzteres aber nicht auf der Laufbahn, sondern aus dem Stadion raus, eine Runde drumherum, um sich die Architektur des Stadions anzuschauen, um dann wieder zurück ins Stadion zu kommen und zur Irritation der anderen Läufer und der Zuschauer in ein selbst gestecktes Ziel einzulaufen.

Ein Horror für jede Lehrkraft, die mit dem Konzept „Ein Unterricht für alle“ arbeitet, oder arbeiten muss.

Bei mir als Schüler hat diese unglückliche Kombination dazu geführt, dass ich nicht rebelliert, sondern den Weg in die „innere Emigration“ und den Blick aus dem Fenster gewählt habe, um darüber zu sinnieren, was da draußen Spannendes sein könnte. Ich bin – um im obigen Bild zu bleiben – immer dann ein Stück gelaufen, wenn es mir möglich erschien. Solange ich irgendwann im vorgebenen Ziel im Mittelfeld der Klasse ankam, war das zumindest nach außen hin kein Problem. Die Hochbegabung und die Depression haben sich zumindest in der Außenwelt ein Stück weit ausgeglichen. Innerlich war ich alles Andere, als ausgeglichen.

Es gibt auch heute viele Kinder in Berliner Schulen, die ihre ganz eigene Mischung und Kombination aus Diagnosen, Anlagen und Voraussetzungen mitbringen.

 

Erwartungen

Unter solchen Voraussetzungen können Sie keine bestmöglichen Ergebnisse erwarten, wenn Sie Schüler in einem Klassenraum auf einen Stuhl setzen und 30-40 Wochenstunden Frontalunterricht veranstalten und das ist bei den meisten Kindern so, egal, mit welchen individuellen Voraussetzungen. Lernen ist ein vieldimensionaler Prozess und Kinder sind Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit.

Im Lauf der Jahre habe ich gemerkt, dass ich am besten zum Ziel komme, wenn ich nicht von vornherein den Prozess festlege (in Schulen wären das Stundentafeln und Curricula), sondern das inhaltliche Ziel und den Zeitpunkt, an dem es erreicht sein soll und mir die Freiheit gebe, den Weg selbst zu finden.

Seitdem arbeite ich mit Jahreszielen. Und irgendwann habe ich auch ein Gefühl dafür entwickelt, was in einem Jahr realistisch ist. Das gibt mir die Möglichkeit, mein Ziel am Jahresende zu erreichen und gleichzeitig „einzuberechnen“, dass irgendwann eine depressive Episode dazwischenkommt.

Ich hab mir auch angewöhnt, es zu akzeptieren, wenn ich am Jahresende an einem völlig anderen Punkt rauskomme, als am Jahresbeginn festgelegt. Am Anfang meiner „Medienarbeit“ stand ein Twitterkanal. Dass daraus mal eine Webseite mit Blog, Podcasts und mehr würde, war am Anfang weder geplant, noch überhaupt denkbar.

 

Was das Bildungswesen tun könnte (eine subjektive Einschätzung).

Aufhören mit diesem ganzen Diagnosen-Irrsinn.

Nicht, weil Diagnosen nicht wichtig wären (es ist schon gut, wenn man gegen eine Epilepsie keine Herzmedikamente verschrieben bekommt), sondern weil Kinder mehr sind, als ihre Diagnosen. Eine andere Person bräuchte möglicherweise andere Gegebenheiten in der Schule, als ich, selbst, wenn sie die gleichen Diagnosen hätte und deswegen wäre es sinnvoller, bei der Zumessung von pädagogischen Stunden mehr aufs Kind, als auf die Bescheinigung vom Arzt zu schauen.

Die im Bildungswesen tätigen Menschen brauchen mehr Zeit für die Arbeit mit den Kindern. Was hätte es in mir ausgelöst, eine Lehrkraft, oder einen Erzieher zu haben, bei dem/der ich das Gefühl gehabt hätte, gesehen zu werden? 

Welche Potentiale würde es in den Kindern wecken, allein schon, wenn sie das Gefühl hätten, als eigenständige Person wahrgenommen und behandelt zu werden? Wenn sie sagen könnten „Ich weiß, dass Herr/Frau XYZ sich freut, mich im Unterricht zu haben.“ und das unabhängig von Noten, oder „Wohlverhalten“?

Und welche Möglichkeiten hätten Pädagog:innen in den Schulen, wenn sie Zeit hätten, Kinder und Jugendliche als Individuen wahrzunehmen?

Ich habe grundsätzliches Vertrauen in die Personen, die im Bildungswesen tätig sind, aber ich habe ein äußerst geringes Vertrauen in die Strukturen, in denen sie arbeiten (müssen).

 

Mehr Flexibilität in der Abarbeitung von Stundentafeln und Rahmenlehrplänen.

Viele Schulen arbeiten genau hieran und haben tolle Konzepte, die Etablierung „in der Breite“ scheitert aber nach meinem Eindruck häufig an Personal, das Zeit für solche Entwicklungsprozesse hat, an an zu wenigen Weiterbildungsangeboten und Weiterbildungszeiten für Schulleitungen und Lehrkräfte und oft auch an baulichen Gegebenheiten, um mehr zu leisten, als „Die 8a hat jetzt Mathe in Raum 203“.

Hinzu kommt ein absurdes Verhältnis zu Stundentafeln bzw. zu dessen Abrechenbarkeit. In 35 Minuten gutem Unterricht lernt man mehr, als in 45 Minuten schlechtem Unterricht und dennoch wird mehr auf die Einhaltung der Stundentafeln geschaut, als auf die Frage, wie das, was in der Zeit stattfindet, weiterentwickelt werden kann.

 

Wir müssen endlich weg von der Fixierung auf Stundentafeln und diesem ganzen Prüfungsirrsinn zwischendurch.

Nichts gegen die Formulierung und Abprüfung von Erwartungen, aber mittlerweile bin ich seit über 25 Jahren berufstätig und musste mir in dieser Zeit natürlich immer wieder Themen und Wissen aneignen, Aufgaben umsetzen und Ziele erreichen.

Zu keinem Zeitpunkt in diesen 25 Jahren kam jedoch irgendwer rein und erklärte „so, und jetzt mal eine unangekündigte schriftliche Prüfung“, oder „Jetzt bearbeitest Du von Deinem Arbeitsprozess zwei Stunden lang nur die Teilschritte, bei denen Du schreibst, dannach machst Du zwei Stunden lang die Teilschritte, in denen gerechnet wird und dannach sprichst Du zwei Stunden lang nur in englischer Sprache.“

Man würde jedem Vorgesetzten Fragen stellen, der solche Anordnungen erteilt und das zu Recht.

Mir ist bewusst, dass viele Kinder solche Strukturen widerum brauchen, um lernen zu können, aber diese könnte man ihnen weiterhin schaffen, hätten Lehrkräfte mehr Zeit. Inklusion ist nicht die Behebung von nachgewiesenen „Problemen“, sondern die Möglichkeit des individuellen Umgangs mit Kindern und ihren jeweiligen Situationen. Das gilt für alle Lebenslagen.

 

Anfangen, Kinder als Kinder zu betrachten.

Ist Ihnen mal aufgefallen, dass Kitakinder bis zur Einschulung Kinder genannt werden und danach „Schülerinnen und Schüler“? Das klingt nach sprachlichem Kleinklein, ist es aber gar nicht. Das Kind wird mit der Einschulung sprachlich und auch faktisch vom Subjekt mit Bedürfnissen zu jemandem, der eine Rolle zugewiesen bekommt.

Während in der Kita noch gilt, dass Kinder ein „Recht auf den heutigen Tag“ haben, haben sie in der Schule vor Allem die Pflicht zur nächsten Unterrichtseinheit. Eine Kombination aus beidem wäre toll.

 

Pflichten der Schule

Ich wünsche mir, dass die Schulen in die Pftlicht genommen, aber auch in die Lage versetzt werden, Bedarfe zu erkennen und diese auch zu erfüllen. Ich wünsche mir, dass Schulträger, Jugendämter und Co. ihrerseits in der Pflicht sind, die von den Schulen gemeldeten Bedarfe ohne ewige bürokratische Umwege zu erfüllen und den Empfehlungen der Pädagog:innen zu vertrauen. Wenn der Staat Kinder verpflichtet, in den von ihm bereitgestellten Schulen zu lernen, dann muss er selbst auch dafür sorgen, dass Kinder das auch können und darf diese Organisation nicht an Eltern delegieren.

 


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