Am zurückliegenden Sonntagabend wurde mir kurzzeitig der Boden unter den Füßen weggerissen und so langsam sortiere ich mich wieder. Durch die Prognosen in den Wochen vorher war absehbar, dass das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt dramatisch ausfallen würde, aber es „schwarz auf weiß“ und in Form eines Balkendiagramms zu sehen hatte nochmal eine andere „Qualität“. Es kommen harte Zeiten auf sehr viele Menschen zu. Mir macht das Angst, es macht mich zornig und es hat mich vorübergehend aus der Fassung gebracht. Vielen Menschen in meinem Umfeld geht es genauso.
Am „Tag danach“, also am Montagabend war ich, wie tausende andere auch, am Brandenburger Tor. Um eine dringend nötige und längst überfällige Prüfung der AfD durch das Bundesverfassungsgericht zu fordern, aber auch um Trost zu suchen, Menschen zu treffen, die es ebenfalls gut meinen mit einer vielfältigen und solidarischen Gesellschaft und auch, um darüber nachzudenken, wie es weitergehen kann. Und was ich selbst ändern kann und muss. Ganz offenkundig reichte es bisher nicht.








„Ohne die Erinnerung können wir unsere Demokratie nicht retten.“
Worauf sich dieser Satz, der von Hildegard Hamm-Brücher (1921-2016) stammt, bezieht, braucht keine nähere Erläuterung. Er kam mir heute wieder in den Sinn. Die „Grand Dame“ einer längst vergangenen FDP, die sich ein Leben lang für Bildung, insbesondere politische Bildung, Gleichberechtigung und Verständigung eingesetzt hat und nicht selten mehr Rückgrat bewiesen hat, als viele ihrer meist männlichen Kollegen, bleibt nicht nur mir in Erinnerung. Das, was sie meinte, nämlich den Schrecken der Naziherrschaft und die daraus resultierenden nötigen Lehren, wollen allzu viele heute entweder gänzlich vergessen, oder schlichtweg ausblenden.
Aber was ziehe ich daraus für Schlüsse und was muss das für mein eigenes Handeln bedeuten? Wie bleibe ich handlungsfähig, wenn ich selbst keinen direkten Einfluss habe auf Menschen, die die Auseinandersetzung mit „Menschen wie mir“ vermeiden? In den vergangenen Jahren war ich mal um mal geschockt, wenn es – wieder mal – Entsolidarisierungen gab. Wenn angefangen wurde, gegen Menschengruppen zu agitieren und wenn begonnen wurde, ihnen Schaden zuzufügen.
Ich bin mittlerweile überzeugt, dass viele von diesen so agierenden Mitmenschen so schnell nicht wieder für das Suchen von Kompromissen zu begeistern sein werden, wie es sich manche politische Partei vorstellen möchte.
Die grundsätzliche Verabredung, miteinander Verständigung und Kompromisse zu suchen, ist aufgekündigt. Es gibt viele Menschen, die genau das nicht mehr wollen.
Und deshalb ist es auch nicht zu erwarten, dass Aufrufe für mehr Miteinander irgendwas bewirken.
Schlimmer noch: wir haben sogar einen Teil unserer Sprache verloren, weil Begriffe umgedeutet, oder verächtlich gemacht wurden und das war keine zufällige Entwicklung. „Zivilgesellschaft“, „Toleranz“, „Vielfalt“, „Willkommenskultur“ und „Querdenker“ sind nur ein paar Beispiele. Wie trifft man sich auf dem „Marktplatz der Ideen“, wenn die Sprache als gemeinsame Referenz fehlt?
„Freiheit in Mitverantwortung“
Dieser Passus stammt aus der berühmten ersten Regierungserklärung von Willy Brandt als Bundeskanzler vor dem Deutschen Bundestag und er ist einer, an den ich mich dieser Tage erinnert habe. Vielleicht hilft es, um nochmal auf Hildegard Hamm-Brücher zurückzukommen, sich zum Finden von Zuversicht an Tage des demokratischen Fortschritts zu erinnern, und sich in Erinnerung zu bringen, wozu ein Gemeinwesen fähig sein kann. Und ich bin mir sicher, dass genau dieses langfristig stärker ist, als Zerstörungswut.
Dieser Passus ist das Gegenteil der zur gesellschaftszerstörenden Entsolidarisierung gewordenen „Freiheit durch Eigenverantwortung“ und er gibt mir etwas an die Hand: die Idee, Mitverantwortung zu übernehmen und das, ohne die Erwartung zu formulieren, dass andere gleich mitmachen.
Das Versprechen, dass eigenes Engagement zu etwas Besserem führen kann. Man kann damit einfach anfangen und sich freuen, wenn andere „dazustoßen“, anstatt entsetzt zu sein, wenn manche „gehen“. Er zeigt die Möglichkeit auf, aktiv zu sein und zu bleiben und liefert ein Ideal, das größer ist, als dieser zurückliegende Sonntag.
Etwas weniger umschweifend könnte man auch von „Erwartungsmanagement“ sprechen, mir ist dieser Tage aber weniger nach Managementgerede und mehr nach Gefühlsduselei.
Christa Wolf formulierte am 04. November 1989 bei der geschichtsträchtigen Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz: „Die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war und erinnert sich ihrer Gefühlswörter. Eines davon ist „Traum“.
Keine Sorge, ich komme Ihnen jetzt nicht auch noch mit Martin Luther King, aber vielleicht mit einem Träumchen:
das Diskutieren über Politik und zivilgesellschaftliches Miteinander auch wieder als das Verhandeln über Lebensentwürfe und auch Gefühle zu verstehen und das auch so zu formulieren. Die Sprache über Demokratie, Miteinander und Zivilgesellschaft wieder auszuwickeln und aus ihrer Abstraktheit zu holen. Das schließt nicht aus, mit kühlem Kopf möglichst allgemeingültig zu entscheiden, aber es ermöglicht, auf dem Weg dahin den Blick zu weiten und dadurch bessere Entscheidungen zu finden.
Von „Reformen“, in denen der „Steuerfreibetrag“ um dreikommairgendwas Prozent angehoben wird, habe ich genug gehört in den letzten Jahrzehnten. Das erreicht mich auf der emotionalen Ebene, die sich der Kanzler wünscht, exakt gar nicht. Politik ist mehr, als Management.
Politik und auch zivilgesellschaftliche Mitwirkung sind das Verhandeln von Erwartungen, Wünschen, Träumen und das Einbeziehen von Ängsten, Sorgen und Nöten, bevor Entscheidungen mit Auswirkungen auf Lebensrealitäten getroffen werden. Und wenn „wir“ „die Anderen“ damit vorerst nicht erreichen, kann es zumindest „uns“ helfen, beieinander zu bleiben. Das wäre doch schonmal was.
Ich habe keinen Einfluss auf das, was der Kanzler macht. Aber ich habe Einfluss auf das, was hier auf dem Blog, im Podcast, in meinen Ehrenämtern, in meinem Job und in meinem zwischenmenschlichen Miteinander passiert. Und das ist schonmal eine Menge.
Vielleicht ist das das Bäumchen, das man selbst dann noch pflanzt, wenn am nächsten Tag die Welt untergeht, um auch noch den alten Luther unterzubringen, der abgesehen von seinem Antisemitismus manchmal auch ein paar gute Gedanken hatte.
Ich schließe mit Selma Lagerlöff:
„Kurz bevor die Sonne aufgeht, ist die Nacht am dunkelsten“

