Elternteil zu sein, fühlt sich ermüdend an.

Gar nicht so sehr wegen der Kinder, sondern wegen des Drumherums. Man gewöhnt sich irgendwann fast schon dran, dass man wegen allem suchen und rennen muss, was selbstverständlicher und kurzfristig verfügbarer Teil öffentlicher Familieninfrastruktur sein sollte:

Hebammen, Kitaplätze, Schwimmkurse, Elterngeld, Plätze an weiterführenden Schulen, Kinderärzte… Man könnte die Liste noch eine Weile fortsetzen.

Eine kleine Anekdote: das Finanzamt war seinerzeit schneller bei der Zuweisung einer Steuer-ID für unsere Kinder, als das Bezirksamt mit der Ausgabe der Geburtsurkunden. Zugespitzt könnte man sagen, dass es drängender ist, dass Kinder steuerlich erfasst werden, als ihre Geburt zu bescheinigen. Ich empfinde das durchaus als symptomatisch für die Art und Weise, mit Kindern und Familien umzugehen.

Hinzu kommt das, was weite Teile der Politik als „Familienpolitik“ bezeichnet wissen wollen: Familienleistungen bestmöglich vor Kürzungen zu retten.

Der Kanzler glaubt, „die Menschen“ würden seine „Reformen“ wollen und deshalb müsse man noch „entschiedener“ daran arbeiten. Dass sie das nicht wollen, könnte er an Wahlergebnissen ablesen, aber das scheint zu viel verlangt. Politik nach dem Motto: „Da vorne ist die Wand. Gib Gummi, die durchbrechen wir!“

 

Als Bürger stehe ich als Zuschauer dieses absurden Theaters am Bildschirm und schüttle mit dem Kopf.

Ich kenne niemanden, der sowas sagt wie „Mensch, beim Elterngeld zu kürzen, oder beim Unterhaltsvorschuss, das sind doch gute Ideen. Sollten wir unbedingt mal machen!“.

Die scheidende Berliner Senatskoalition rühmt sich dafür, dass sie den Betreuungsschlüssel für Kinder unter drei Jahren gesenkt hat. Das ist jedoch einerseits etwas, das ohnehin zwingend notwendig war und andererseits nur dadurch möglich wurde, dass zuletzt weniger Kinder geboren wurden. Ich will das nicht klein reden, aber das ist noch keine Familienpolitik.

Insgesamt fällt auf, dass neben vielen anderen Politikfeldern auch die „Familienpolitik“ derzeit vor Allem daraus besteht, Kürzungen zu erklären, oder nicht ganz so hart ausfallen zu lassen, wie in einem ersten Vorstoß angekündigt. Es ist mittlerweile eine nicht endende Choreographie:

Die CDU im Bund kündigt harte Einschnitte an und begründet diese unter Beifall der Wirtschaftsverbände mit „Haushaltslöchern“, die SPD feiert sich nach „harten Verhandlungen“ dafür, dass nicht ganz so hart gekürzt wird. Auch das ist ermüdend. Man fühlt sich als Elternteil zudem nicht ernst genommen. Ich frage mich auch, ob die handelnden Akteure sich selbst ernst nehmen.

Mal abgesehen davon, dass es kein Naturgesetz ist, dass Höchstvermögende immer reicher werden, während Durchschnittsfamilien das Wasser immer mehr bis zum Hals steht, ist diese „Familienpolitik“ auch von einer schrecklichen inhaltlichen und auch emotionalen Leere geprägt.

 

Es gibt schlicht keine Idee, wohin in der Familienpolitik eigentlich regiert werden soll.

Die naiv formulierte Frage „Was sind Kinder?“ von den politsch Handelnden mal beantworten zu lassen, könnte ein aufschlussreiches Unterfangen sein.

Der Kanzler lebt in seiner exkusiven Welt, in der man offenkundig eine „Wenn sie kein Geld haben, sollen sie halt in Aktienfonds investieren“-Haltung entwickelt und warum Karin Prien (sie war überrascht, „dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden wie in anderen OECD-Staaten und EU-Staaten“) die bestmögliche Besetzung für das Amt der Familien- und Bildungsministerin sein soll, konnte mir bisher auch niemand so recht erklären.

Der Ausbau von Kita- und Ganztagsangeboten ist nach jetzigem Stand vor Allem eine wirtschaftspolitische Maßnahme, damit Eltern arbeiten können, aber noch keine Familien- oder gar Bildungspolitik.

 

Alternativen

  • Familienpolitik wäre es, Teilhabe- Bildungs- und Betreuungsangebote an Kindern auszurichten und nicht an dem, was „das System“ glaubt, unter den aktuellen Voraussetzungen leisten zu können. Und dann die Voraussetzungen zu schaffen.
  • Familienpolitik wäre es, Orte für Familien im öffentlichen Raum zu schaffen und Städte kinder- und familienfreundlich auszubauen. Erkennbar bleibt es jedoch wichtiger, dass Autos ungehindert durch Straßen kommen, als Kinder sicher zur Schule. Kindgerecht wäre eine Stadt dann, wenn selbst ein Kindergartenkind allein und sicher den Weg zur Kita antreten könnte. Stattdessen wurde im Berliner Wahlkampf ein „Ende der Pollerisierung“ gefordert, als hätten diese vor Allem die Aufgabe, PKW-Nutzer zu ärgern und an freier Fahrt zu hindern und nicht etwa, sichere und lebenswerte Räume für Anwohner:innen zu ermöglichen.
  • Familienpolitik könnte sein, behördliche Dienstleistungen für Familien barrierefrei und vollständig digital anzubieten. Eltern haben wichtigere Aufgaben, als ihre Lebenszeit auf Ämtern abzusitzen.
  • Familienfreundlich wäre es, eine nachhaltige Klimapolitik zu betreiben, die die Zukunft von Kindern schützt und nicht die Quartalsberichte von Mineralölkonzernen.
  • Familienfreundlich wäre es, sich konsequent gegen jede menschenverachtende Ideologie zu stellen, insbesondere gegen Rechtsextremismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Wer die Gefährdung der Renditeerwartungen von Konzernen mehr anprangert, als die Gefahr von Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschlichkeit, disqualifiziert sich nicht nur moralisch, sondern auch familienpolitisch.
  • Familienfreundlich wäre es, wenn sich nach einer Beschwerde über eine Schule die Schule erklären müsste und nicht etwa die Eltern im System zwischen Schulen und Schulaufsichten zerrieben würden. Wenn Elternvertretungen und Fördervereine wirklich mitwirken könnten und nicht versuchen müssten, Reparaturbetriebe für ein dysfunktionales Bildungssystem zu sein.
  • Familienfreundlich wäre es, wenn die Schulen konsequent zur Gewährleistung der Inklusion verpflichtet wären und nicht die Eltern dafür in die Pflicht genommen würden, mit ihren Kindern sämtliche denkbaren Institutionen abzuklappern, die für die Anerkennung von Förderbedarfen nötig sind.
  • Familienfreundlich wäre es, wenn wir nicht Milliardensummen als „Tankrabatt“ an die Mineralölkonzerne verschenken würden, sondern beispielsweise das Deutschlandticket vergünstigen, oder den Mehrwertsteuersatz auf Lebensmittel und Bücher senken würden. 66,80€ sind ein merkwürdiger Preis für ein 9-Euro-Ticket.
  • Familienfreundlich wäre es, wenn der Staat sich nach der Geburt eines Kindes proaktiv an die frisch gewordenen Eltern wenden und mitteilen würde, wo sie Hilfsangebote für junge Eltern finden und wie sie diese in Anspruch nehmen können.
  • Familienfreundlich wäre es, armutsbetroffene Familien nicht mit Sanktionen und Vorhaltungen zu drangsalieren, sondern zu versuchen, Hindernisse zu erkennen und diese abzustellen. 25% Kinderarmut in einem der reichsten Länder der Welt sind das Ergebnis politischer Entscheidungen und kein individuelles Versagen.
  • Familienfreundlich wäre es, Alleinerziehenden das Leben durch barrierefreie Dienstleistungen und eine funktionierende Familieninfrastruktur zu erleichtern und dafür zu sorgen, dass der Status „Alleinerziehend“ kein gesteigertes Risiko mehr für Armut darstellt. 

Als alleinerziehende können Sie sich sämtliche Karten legen, wenn neben den alltäglichen Herausforderungen auch noch Probleme der Kinder in der Schule, oder längere Krankheiten dazukommen. Ich kenne „solche“ Fälle. Es ist dann nur noch das schlichte Funktionieren und Abarbeiten der Tage. Und das über Jahre. Das überlastet nicht nur Elternteile, sondern kann auch zu einer emotionalen Belastung von Eltern und Kindern führen. Ich würde soweit gehen, zu sagen, dass der Staat an dieser Stelle bei der Gewährleistung der Menschenwürde versagt.

Das wäre aber nur eine Auswahl aus den „brennendsten“ Themen.

 

Grundfragen, die derzeit politisch weder diskutiert, noch beantwortet werden:

  • Wie können wir ein Land werden, in das man gern Kinder setzt und denen sich Gesellschaft und Staat verpflichtet fühlen? Nicht in Form der Erziehung der Kinder (dafür sind Eltern und in unterschiedlichem Maße die Bildungseinrichtungen zuständig), aber in der Form, dass Familien- und Kinder-/Jugendinfrastruktur selbstverständlich mitgedacht und auskömmlich ausgestattet werden?
  • Wie holen wir die Kinder aus ihren „Parallelumwelten„? Prof. Aladin el Mafaalani (Soziologe und Bildungsforscher an der Uni Dortmund) meinte mit diesem Begriff Bildungs- und Betreuungseinrichtungen insbesondere im Zusammenhang mit der Ganztagsbetreuung, die auch den Effekt hat, Kinder aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten.
  • Was würde passieren, würden wir es Kindern ermöglichen, ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens zu sein, in dem sie sich sicher bewegen können und Angebote finden? Wussten Sie, dass das Konzept des städtischen Spielplatzes nicht vorrangig entwickelt wurde, um Angebote für Kinder zu schaffen, sondern um die Straßen für den Verkehr freizumachen?
  • Welche Einstellungen gegenüber Kindern, Jugendlichen und Familien müssten sich ändern und auch, welche konkreten Maßnahmen zur Umsetzung wären nötig?
  • Will diese Gesellschaft das überhaupt? Bisher habe ich den Eindruck, dass das nicht der Fall ist. Deshalb gewinnt man mit Familienthemen auch keine Wahlkämpfe.
  • Gibt es Menschen in der Politik, die diese Fragen mit Priorität vorantreiben würden?
  • Warum kann eine KI (im Fall des Beitragsfotos) ein „Bild von spielenden Kindern und sich unterhaltenden Jugendlichen auf einer öffentlichen Straße inmitten eines Wohngebiets.“  besser imaginieren, als weite Teile von Gesellschaft und Politik? Warum sind die Reflexe in solchen Diskussionen zu häufig „Aber die Sicherheit der Kinder“, oder „das stört doch die Anwohner“ und nicht „Aber die Gefährdung durch den Verkehr?“, oder „Auch Kinder sind Anwohner!“

Danke…

…für’s lesen. Wenn Sie mir helfen möchten, künftig nicht nur über Kinder und Jugendliche zu schreiben, sondern Jugendlichen im Podcast eine Stimme zu geben, würde ich mich sehr freuen. Ich sammle derzeit für ein Podcastprojekt mit dem Titel „25 unter 25“ , in dem ich ab 2027 Jugendliche interviewen möchte.

Beitragsfoto: Marco Fechner / OpenAi