Als die Regierung der DDR am 13. August 1961 die Grenzen zwischen beiden deutschen Staaten abriegeln ließ, zog sie eine Grenze durch ein Land, durch eine Gesellschaft, durch Freundschaften und auch durch meine Familie.
Meine Großeltern, die zwei Tage nach der Grenzschließung (die befestigte Mauer folgte bekanntlich erst später) heirateten, mussten dies ohne einen Teil ihrer Verwandten tun.
Nachdem der zweite Weltkrieg ihr den Vater genommen hat, trennte die geschlossene Grenze meine Oma von ihren Brüdern, die Jahre zuvor nach Neukölln und Spandau gezogen sind, während ihre Mutter, also meine Urgroßmutter, mit ihr „im Osten“ blieb.
Diese wurde durch die eine Terrorherrschaft Wittwe und durch diesen neuen autoritären Staat verlor sie nun die Möglichkeit, ihre Söhne zu sehen. Zynischerweise legte das Ministerium für Staatssichereit („Stasi“) im Nachgang Akten an, weil meine Familie jetzt enge „Westverwandtschaft“ hatte. Das reichte in diesem Staat bereits für geheimdienstliche Überwachungen.
Der Staat maßte es sich an, Menschen gewaltsam voneinander zu trennen. Er baute Mauern. Er erzählte frisch gewordenen Eltern, ihr Säugling sei kurz nach der Geburt verstorben, während er die betreffenden Kinder „linientreuen“ Paaren übergab. Er traumatisierte Kinder in „Jugendwerkhöfen“ so nachhaltig, dass diese Traumata bei vielen Betroffenen bis heute nachwirken. Er maßte sich an, den besseren Menschen heranziehen zu wollen und gab sich hierzu ein Erziehungsrecht, dem Eltern als Erfüllungsgehilfen zur Wirkung zu verhelfen hatten.
Aus dem “Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ vom Februar 1965:
„Im einheitlichen sozialistischen Bildungssystem verwirklicht sich die leitende kulturell-erzieherische Funktion des sozialistischen Staates, der sich auf die Entfaltung der sozialistischen Demokratie stützt: Die Ziele des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems sind Sache des ganzen Volkes. Für sie wirken […] die Eltern und die Familie, der im Sozialismus eine neue moralische und erzieherische Rolle zukommt, die gesellschaftlichen Organisationen und alle Kräfte der Gesellschaft.“ […] „So ist in der Deutschen Demokratischen Republik die sozialistische Gemeinschaft gewachsen. Es gilt der Grundsatz: Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk.“
Es gibt an diesem Staat und seiner Übergriffigkeit nichts zu beschönigen, zu relativieren, oder zurückzuwünschen.
Familien, die 1961 getrennt wurden, sahen sich oft frühestens in den 1970ern wieder, als es die Möglichkeit von Besuchen der Westverwandtschaft“ gab. Damals waren die jeweiligen Kinder meiner Großeltern und der Brüder meiner Oma bereits im Teenageralter.
Meine Urgroßmutter durfte später, in den 1980ern, ausreisen, nachdem die DDR ein Gesetz erließ, durch das Rentner und „Invaliden“ das Land verlassen durften.
Arbeitsunfähige Menschen waren dann offenbar doch nicht mehr so wichtig für die sozialistische Gesellschaft.
65 Jahre später
65 Jahre nach der Grenzschließung und damit auch 37 Jahre nach dem „Mauerfall“ sitze ich an meinem Laptop. Berichte in den Nachrichten und meine persönlichen Gedanken zur Vergangenheit meiner Familie, meines weiteren Umfelds und der Gegenwart fließen ineinander.
Seit ich angefangen habe, mich politisch mit dieser Zeit zu beschäftigen, habe ich vielen Menschen viele Fragen zur DDR gestellt. Manchen musste ich viele Fragen über einen längeren Zeitraum stellen, manche erzählten freimütig, manche hatten es schwer, die richtigen Worte zu finden und manche leben ein Leben der offenen Geheimnisse. Viele freuen sich, dass sie damals jung und verliebt waren und sich ansonsten „aus allem rausgehalten“ haben.
Dieser Staat hinterließ keine Helden, aber manche Vorbilder.
Der Staat war allgegenwärtig, sei es in der Erziehung der Kinder, in Vereinen, in der Gewerkschaft, in der Wohnungsverwaltung, am Arbeitsplatz und oft auch hinter der Tapete im Wohn- oder Schlafzimmer.
Menschen, die in einem solchen Staat leben, haben keine andere Wahl, als sich zu arrangieren, wenn sie nicht staatlich „arrangiert werden wollen“, was Repression meint.
Ein Staat, der sich von Beginn an leitend in die Erziehung der Kinder einbringt, weiß, wie er diese bei ihrem Gerechtigkeitsgefühl packen kann, um sie unter gutem Vorwand für eine schlechte Sache einzuspannen.
Ein Staat, der nicht nur allgegenwärtig ist, sondern von dem auch alle wissen, dass er allgegenwärtig ist, verändert Beziehungen. Menschen werden untereinander skeptischer. Wie soll man sich verhalten, wenn man nicht weiß, ob der Nachbar, der Kollege, oder gar das eigene Kind einen verpfeift?
Es gibt Mitmenschen, die es bis heute richtig finden, hauptamtlich für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Es gibt Mitmenschen, die bis heute unter den Nachwirkungen von Jugendwerkhöfen leiden. Es gibt Menschen, die sich geweigert haben, das Leben ihrer Kollegen für das Ministerium für Staatssicherheit aufzuschreiben. Die deshalb massive berufliche und persönliche Konsequenzen in Kauf nahmen, sich dafür aber an anderer Stelle anpassen mussten, um nicht noch weiter geschädigt, oder das eigene Umfeld zu schädigen.
Letztere sind keine Helden, aber sie sind für mich Vorbilder. Integrität muss man sich trauen wollen. Grenzenlose Integrität ist in einem solchen Staat gefährlich und das letztlich nicht nur für einen selbst.
Es gibt Menschen, die für sich einen Weg gefunden haben, sich möglichst unsichtbar zu machen. Nicht widersprechen (erst gar nicht öffentlich), nichts Unbequemes sagen, gar Fragen stellen, oder eigene Vorschläge unterbreiten.
Diese verschiedenen Menschen (und noch viele mehr) trafen sich nach der „Wende“ wieder: beim Arbeitsamt, bei Familienfeiern und bei Ortsfesten.
Wie spricht man über die eigenen Erlebnisse in und mit der DDR?
Wie spricht man über die eigene schmerzhafte Vergangenheit, wenn man bereits vor der Wende wusste, warum der Nachbar immer wieder Privilegien hatte, die man selbst nicht hatte und dass das Eine mit dem Anderen zu tun gehabt haben könnte?
Wie spricht man über die eigene Vergangenheit, wenn man Menschen geschädigt hat, das aber in Kauf genommen hat, um nicht näherstehende Menschen zu schädigen?
Diese Gesellschaft war nicht schwarz und weiß, sondern hatte viele Grautöne und Menschen wurden vom Staat untereinander ausgespielt. Würden Sie ihren Nachbarn auch dann nicht „verpfeifen“, wenn man Ihnen mit Nachteilen für Ihre Kinder drohen würde?
Trägt man diese Konflikte in einer Orts- oder Dorfgemeinschaft aus, die ohnehin schon durch die staatlichen und wirtschaftlichen Brüche der Wendezeit gebeutelt ist, oder einigt man sich darauf, dass Pittiplatsch eine heimelige Figur war, die die Familie vor den selbst erarbeiteten Fernseher gebracht hat und dass sich alle irgendwie auf Discofox zu Karat und den Puhdys verständigen können und man möglichst nicht über Politik spricht?
Vermutlich war die Post-DDR-Gesellschaft nicht anders aufgestellt, als die der BRD in den 1950ern, nur mit anderen Klamotten und anderen Liedern.
Das für mich auch persönlich Bedrückende
Je länger ich mich mit der DDR beschäftige, um so weniger kann ich sagen, auf welcher der vielen Seiten ich mich wiedergefunden, oder aktiv beteiligt hätte. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, welche Umstände, oder Zwänge mich wo hingeführt hätten und wie weit mein Horizont gewesen wäre, oder hätte sein können. Ich weiß nicht, was ich micht getraut hätte, oder hätte trauen müssen. Welche Konsequenzen für geliebte Menschen ich im Zweifel hätte in Kauf nehmen müssen.
Ich weiß aber, dass ich in einem Staat, der so mit seinen Einwohnern umgeht, nicht wieder leben möchte.
Hinhören, wenn Geschichtsklitterung betrieben wird. Und widersprechen.
Man kann (ein Beispiel aus aktuellen Gründen) Forderungen nach der Enteignung von Wohnungskonzernen aus nachvollziehbaren Gründen richtig, oder aus genauso guten Gründen falsch finden. Sie begründen aber keine „DDR 2.0“, wie es manche oder mancher behaupten möchte.
Wer so etwas behauptet, hat in Geschichte nicht aufgepasst, oder wollte etwas Wichtiges nicht verstehen. Wem bei den Verbrechen der DDR als Wesentliches die falsche Wirtschaftspolitik einfällt, sollte selbst nochmal nachsitzen.
Intellektuell beschämend sind allzu verbreitete Verkürzungen, wie die bespielhafte Aussage „Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet. Alles andere ist Sozialismus“ (der frühere FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle).
Das Verbrechen der DDR war nicht, dass es kaum vermietbaren Wohnraum ohne staatlichen Zugriff gab (gleichwohl man es wirtschaftspolitisch falsch finden kann). Das Verbrechen dieses Staats war insbesondere die Übergriffigkeit gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern bis hin zur Schädigung auf vielen Ebenen, die Beschränkung von geografischen und mentalen Horizonten und die vielen, oft willkürlichen, Repressionen bei fehlendem „Wohlverhalten“.
Anders herum gilt es bei der Relativierung von DDR-Unrecht. Wenn jemand mit „Hat uns doch auch nicht geschadet“ um die Ecke kommt, könnte man beispielsweise gegenfragen, wen dieses „Uns“ meint und wen es nicht mit-meint. Das ist wie mit der Aussage „In meiner Kindheit sind wir alle ohne Helm Fahrrad gefahren und wir haben alle überlebt.“
Bis auf die anderen halt, die sich wegen tödlicher Fahrradunfälle heute nicht mehr äußern können.
Bedrückenderweise sind es oft diejenigen, die am meisten Abkehr vom System der DDR beschwören, die ihren autoritären Denkmustern nach wie vor am meisten anhaften. Dass man, wie beim Wahlkampf in Sachsen-Anhalt geschehen, zeitgleich einer rechtsextremen Partei zujubeln und auf der gleichen Veranstaltung die DDR-Hymne singen kann, hat mich insofern nicht überrascht. Man kann auch Parteien anhängen, die ohne eine rituelle Ablehnung der DDR durch keinen Parteitag kommen und es dennoch super finden, wenn der Staat alle möglichen Daten seiner Bürger sammelt und auswertet.
Uroma
Nach ihrer Ausbürgerung in den 1980ern blieben meiner Urgroßmutter noch weniger als 6 Jahre, um Zeit mit ihren Söhnen „im Westen“ zu verbringen. Das eigentliche Problem mit dem Staat war nicht, dass es Orangen nur zu Weihnachten gab.
Meine persönlichen Lehren
- Alles mir Mögliche dafür tun, dass Menschenrechte, insbesondere die Menschenwürde Bestand haben. Es gibt keine „gute Sache“, die es rechtfertigt, Menschenrechte einzuschränken.
- Bleiben Sie mir fern mit Forderungen nach Nachrichtendiensten mit Polizeibefugnissen.
- Der Staat ist der Zivilgesellschaft verpflichtet. Nicht andersrum.
- Grenzen schließen nicht nur aus, sondern vor Allem auch ein. Räumlich, wie auch mental.
- Staatliche Behörden, insbesondere Polizeibehörden, deren Handeln außerbehördlich nicht zu hinterfragen sein soll, sind ein No-Go.
- „Große Brüder“, deren Handeln nicht zu kritisieren ist, sind kein gutes außenpolitisches Konzept.
- Menschengruppen pauschal negative, oder auch positive Zuschreibungen zukommen zu lassen, verursacht Probleme.
- Wenn jemand „Aber das wäre Sozialismus!“ ruft, fragen, ob er oder sie auch ein ernsthaftes Argument hat. Das wäre er oder sie auch den Opfern des „Realsozialismus“ schuldig.
- Einen Beitrag dazu leisten, dass ich auch in ein paar Jahren noch ungestraft Gedanken ins Internet schreiben kann.
- Immer mal wieder die Gegenden besuchen, durch die sich früher der Todesstreifen zog. Diese Viertel in Berlin, beispielsweise der Mauerpark, sind oft großartige Beispiele dafür, was zwischen bestehenden Entwürfen „von Gesellschaft“ entstehen kann, wenn man die Tristesse von Mauern und Engstirnigkeit überwindet.
„Jeder ist jemand. Niemand ist niemand.“
(George Tabori)

