Im Jahr des Amtsantritts der jetzigen Senatskoalition (2023) verließ etwa jede:r zwölfte Jugendliche eines jeden Berliner Jahrgangs die Schule ohne Schulabschluss.  Wenn man nur diejenigen betrachtet, die die Schule nach Ende der Klasse 10 verlässt und nicht den Weg zum Abitur weitergeht, ist es sogar jede:r Zehnte.

Hinzu kommen die Jugendlichen, die zwar einen Abschluss, aber keine Anschlussperspektive, beispielsweise auf einen Ausbildungsplatz haben. Vieler dieser Jugendlichen verschwanden bisher nach der Schule „vom Radar“, weshalb eine gezielte nachschulische Förderung zur Erlangung eines Ausbildungsplatzes bisher kaum möglich war.

Der Notwendigkeit, Schnittstellen, Übergänge und Formate nachzusteuern, wollte man nachgehen und in Gesprächen mit Kammern, Verbänden, Jugendberufsagenturen und anderen Akteuren das „Elfte Pflichtschuljahr“, im Fachterminus „IBS Praxis“, wobei „IBA“ für „Integrierte Berufsausbildungsvorbereitung“ steht, entwickelt.

Aus Teilen der Opposition (Bündnis´90/Grüne und DIE LINKE), aber auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kam unter Anderem die Kritik, dass ein elftes Pflichtschuljahr Jugendliche kaum erreichen dürfte, die bereits in denzehn Jahren davor im System Schule gescheitert sind.

Aus einem Teil der Oberstufenzentren wurde während des Gesetzgebungsverfahrens angemerkt, dass die auf jeweilige Branchen spezialisierten Oberstufenzentren aufgrund ihrer jeweiligen Spezialisierung nicht in der Lage seien, in sämtliche Berufe zu orientieren und dass sie nach der Neuregelung auch in branchenfremde Berufspraktika vermitteln müssten, wofür diese nicht ausgelegt sind.

Die Senatsverwaltung hat mit der Industrie- und Handelskammer eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die den Einsatz von Kooperationsmanagern in den Oberstufenzentren vorsieht. Diese werden von der IHK finanziert und sollen Netzwerke mit Ausbildungsbetrieben etablieren (vgl. Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie).

Nach aktuellem Stand hat über die Hälfte der eigentlich verpflichteten Jugendlichen den Schulbesuch nicht angetreten, oder aber sehr schnell abgebrochen, wie die Bildungsverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken-Abgeordneten Franziska Brychcy (Originaldokument aus der Parlamentsdokumentation) antwortete. Ende Mai 2026 waren von den 987 verpflichteten Jugendlichen nur noch 436 Jugendliche regelmäßig anwesend.

Oberstufenzentren monieren unter Anderem, dass die Jugendlichen teilweise nicht erreichbar seien, weil beispielsweise Adressen veraltet sind. Ein Teil der Jugendlichen konnte in duale Ausbildungen vermittelt werden, jedoch werden auch Krankheiten oder Drogenprobleme als Ursachen für das Fehlen der Jugendlichen benannt.

Schulversäumnisanzeigen sind laut Bildungsverwaltung lediglich in 92 Fällen gestellt worden.

Die Absicht hinter dem elften Pflichtschuljahr ist gut, die Umsetzung bleibt insbesondere vor dem Hintergrund des betriebenen Aufwands der Schulen, ihrer Mitarbeitenden und der Partner:innen dieses Formats stark verbesserungsbedürftig.

 

Beitragfoto: Marco Fechner / OpenAI