Wie die Bildungssenatorin die Zahl der grundständigen Gymnasialklassen am Koalitionspartner vorbei erhöht

Seit Jahrzehnten ist die Existenz von grundständigen Gymnasialklassen in Berlin ein Politikum und frühere SPD-Senator:innen waren mit der Genehmigung dieser Ausnahmen sehr sparsam. Üblicherweise wechseln Berliner Schüler:innen nach Klasse 6 auf eine weiterführende Schule.

Die CDU und auch Gymnasialschulleitungen fordern seit je her eine Erhöhung der Zahl der fünften Klassen an Gymnasien. Von Sozial- und Bildungsforscher:innen hingegen wird der frühe Übergang zwischen den Schulformen in Deutschland immer wieder kritisiert und als eine der Ursachen für soziale und Bildungsunterschiede ausgemacht.

Innerhalb der OECD sind es lediglich Deutschland und Österreich, die ihre Kinder bereits so früh auf die weiterführenden Schulformen aufteilen. Befürworter der fünften Klassen argumentieren insbesondere mit einer gezielten Förderung leistungsstarker Kinder.

Insofern war es erwartbar, dass diese Frage im Koalitionsvertrag von CDU und SPD einer Antwort bedarf, insbesondere, weil früh erkennbar war, dass die CDU das Ressort für sich beanspruchen wird. Die Koalitionspartner verständigten sich im Koalitionsvertrag auf die Festlegung „Wir bekennen uns zu starken Gymnasien und entwickeln grundständige Gymnasien qualitativ weiter.“

Also nicht quantitativ.

Kürzlich wurde bekannt, dass die Bildungsverwaltung von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die Zahl der grundständigen Berliner Klassen überraschend von 72 auf 78 Züge erweitert hat. Beispielsweise darf das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow künftig 4 statt bisher 3 Schnellernerklassen anbieten.

Diese Entscheidung folgt auf einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach fünften Klassen im vergangenen Jahr. Dies hing mutmaßlich mit der Neuregelung der Übergänge nach Klasse 7 zusammen, die von vielen Familien als abschreckend und intransparent empfunden wird (ich habe das Thema hier umfassender beleuchtet). Die Koalition hat mit ihrer Schulgesetzänderung einen künstlichen Bedarf nach fünften Klassen produziert, dem man nun erkennbar mit einer Erhöhung der Anzahl der Züge begegnet.

Beim Blick ins Wahlprogramm der CDU von 2023 stellt man fest, dass diese Entscheidung dem Wahlprogramm des größeren Koalitionspartners folgt:

„Wir werden es den allgemeinbildenden Gymnasien bei entsprechender Nachfrage freistellen, schon ab Klassenstufe 5 ein Angebot für die Schülerinnen und Schüler zu machen.“

Der CDU-Abgeordnete Christopher Förster erklärte hierzu Diese Entscheidung ist ein starkes Signal. Sie zeigt, dass mit der CDU eine klare Linie in Richtung einer vielfältigen und differenzierten Schullandschaft verfolgt wird, die den unterschiedlichen Begabungen und Lebenswegen der Kinder gerecht wird. Unter der jahrzehntelangen Ausrichtung mit der SPD ging der Weg leider genau in die entgegengesetzte Richtung – mit einer schrittweisen Einschränkung von Wahlmöglichkeiten und einer ideologischen Fixierung auf Gleichmacherei.

Aus SPD-Kreisen ist zu vernehmen, dass die CDU-geführte Bildungsverwaltung diese Entscheidung, die dem Inhalt des Koalitionsvertrags widerspricht, ohne Rücksprache mit dem Koalitionspartner auf dem Verwaltungsweg getroffen habe.

Beitragsfoto: Marco Fechner / OpenAI

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