Eine Lektüre im Nachtzug.
In den Ferien habe ich einen Teil meiner Posteingänge mal „liegen gelassen“, mit Familie und Freunden ein paar Tage außerhalb unserer schönen Stadt verbracht, Oktobersonne getankt und mir nach mehreren Jahren auch mal wieder „Momo“ von Michael Ende zu Gemüte geführt. Nebenbei bemerkt eine gute Lektüre für eine Reise im Nachtzug.
„Momo“ ist diese Geschichte, in der die „Grauen Herren“ von der „Zeitsparkasse“ die Menschen auffordern, mit „Effizienzsteigerungen“ und Verzicht auf Tätigkeiten, die keinen messbaren Mehrwert schaffen, Zeit zu „sparen“ mit dem Ergebnis, dass die Menschen dennoch keine Zeit sparen, oder gewinnen, dafür aber immer gehetzter sind und Freundschaften immer leerer werden.
Die Kinder werden in „Kinderdepots“ gesperrt. Dort haben sie wenig Spaß, tun aber Dinge, die aus Sicht der grauen Herren „sinnvoll“ sind. Wenn die eigene Zeit der grauen Herren jeweils vorbei ist, lösen diese sich im Nichts auf.
Nach der Lektüre folgten schöne Tage mit lieben Menschen, private Reiseberichte haben an dieser Stelle aber nichts verloren.
Rückreise.
Auf dem Rückweg nach hause erhielt ich eine Nachricht einer Mutter, ob ich das Schreiben der Bildungssenatorin (PDF) bereits gelesen hätte und was ich davon hielte. Ich öffnete also mein eMail-Postfach. Die Schulleitung eines meiner Kinder sandte mir ein an die „Eltern und Erziehungsberechtigten“ der Berliner Schulkinder gerichtetes Schreiben von Bildungssenatorin Günther-Wünsch (CDU), in dem sie also auch meine Frau und mich aufforderte, mit unseren Kindern zu sprechen.
Dass Jugendliche ihre Anliegen in Protesten hörbar machten, sei legitim, Gewalt und die Einschränkung der Rechte Anderer aber nicht. Die Schulpflicht gelte auch weiterhin.
Es hat etwas Absurdes.
Ein Regierungsmitglied, gegen desssen Politik sich die Proteste von Jugendlichen ebenfalls richtent, sendet über die Berliner Schulleitungen ein Schreiben, in dem es mir mitteilt, dass es Proteste legitim findet und dass wir Eltern mit unseren Kindern darüber sprechen sollen.
Besser kann man die Unfähigkeit weiter Teile der Politik, sich mit der Kritik von Jugendlichen auseinanderzusetzen, nicht auf den Punkt bringen. Statt sich mit den Anliegen auseinanderzusetzen und an der eigenen Politik etwas zu ändern, werden die Eltern adressiert, mit ihren Kindern zu sprechen.
Zeitgleich formuliert die Landesregierung, die die Bildungssenatorin in diesem Schreiben repräsentiert, Maßstäbe dafür, in welchem Rahmen sie die Proteste gegen sich für angemessen hält.
Da waren sie wieder, die grauen Herren
Die Berliner CDU-Fraktion veröffentlichte dieser Tage bei Instagram eine Reihe an Sharepics. Das Erste ist ein im Stil der Adenauer-Ära per KI erstelltes Bild mit dem Titel „Klassenzimmer statt Klassenkampf“. Untertitel: „Wir bauen Schulen. Andere bauen Feindbilder.“ Da waren sie wieder, die grauen Herren. Kalter Krieg und Adenauer statt GenZ und 2026.
Dass eine Fraktion, die behauptet, keine Feindbilder zu bauen, auf dem Bild eine Baustelle und eine Rote Fahne mit Hammer und Sichel gegenüber stellt, ist fast schon etwas lustig, sagt es doch mehr über die fehlende Reflektiertheit der Autoren des Beitrags, als über die Protestbewegung. Jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass die GenZ statt Schulbau eine Wiederkehr des Stalinismus fordert.

Schulbauoffensive
Dass Berlin Schulen baut und saniert, liegt an der „Berliner Schulbauoffensive“. Seit 2016 werden Milliardensummen in die Berliner Schulen investiert, um den Sanierungsstau aufzuarbeiten und Schulplätze zu schaffen. Dass die Berliner Bildungsverwaltung das Programm der Vorgängersenate weiterführt, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Dass die Schulbauoffensive als Antwort auf die Proteste angeführt wird, zeigt einmal mehr, dass weite Teile der Politik nicht begreifen, dass die schlechte Schulinfrastruktur nur eine Ursache der Proteste ist und als Sinnbild steht.
Und dass eine Kachel bei Instagram keine Antwort auf die Sorgen der GenZ ist.
Ich kann Sie beruhigen, Frau Senatorin.
Meine Kinder wissen, dass Gewalt kein Mittel ist, um zu protestieren. Meine Kinder wissen aber auch, dass ihre Elterngeneration nicht diejenige ist, die sie um ihre Meinung, oder Zustimmung bitten muss, wenn sie gegen sie protestieren möchte.
Teenager haben spätestens seit den „Fridays for future“ auch verstanden, dass man die Elterngeneration und Teile der Politik am wirkungsvollsten auf die Palme bringt, wenn man die Schulpflicht ignoriert. Und selbstverständlich nutzen Teenager diese Erkenntnis dann auch, um sich hörbar zu machen. So sind Teenager halt.
Ich halte es als Elternteil auch nicht für zielführend, Eltern gegenüber eine „Lassen Sie die Kinder nicht mit den Schmuddelkindern spielen“-Erzählung aufzumachen. Auch so könnte man das Schreiben interpretieren.
Ich verstehe, dass es zum Aufgabenfeld einer Bildungs- und Familiensenatorin gehört, die Schulpflicht einzufordern. Es wäre vielmehr bemerkenswert, würde sie es nicht tun. Gleichzeitig ist es aber allzu verwunderlich, dass es kein ähnliches Statement gibt, wenn Neonazis demonstrieren, wenn Konservative in Parlamenten mit und für eine rechtsextreme Partei mit militantem Vorfeld stimmen, wenn die Bundespolitik mal wieder den Klimaschutz schleift, oder wenn die Rüstungsausgaben per Sondervermögen dermaßen in die Höhe getrieben werden, dass der Bundeshaushalt in wenigen Jahren zum allergrößten Teil aus Renten, Rüstung und Schuldendiensten bestehen wird. Und auch das ist vielsagend.
Die genannten Punkte sind ein Teil der Sorgen dieser Generation. Sprechen Sie mit ihr. Und sprechen Sie gern auch mal mit Ihren Parteikolleg:innen. Man löst diese Probleme nicht, indem man die Proteste bereits vorab kriminalisiert, oder gar den Einsatz der Bundeswehr zur Auflösung der Proteste fordert, wie es die Junge Union in Berlin kürzlich tat.
Ansonsten muss man sich auch nicht wundern, wenn Momo den Kampf gegen die grauen Herren aufnimmt. Momo hat diesen Kampf übrigens gewonnen.

Beitragsfoto: Marco Fechner, 2026

