Ein Zwischenruf.
Es ist immer wieder beeindruckend, wie provinziell Berliner Wahlkämpfe sein können.
An großen Worten wird nicht gespart, wenn es darum geht, in Wahlkampfreden, „Weltoffenheit“ zu behaupten, oder die „Stadt der Freiheit“ zu beschwören.
Noch der kleinste Kandidat kann sich dann mal kurz als Wiedergänger von Ernst Reuter fühlen, der der Welt vor dem Reichstagsgebäude im September 1948 entgegenrief „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt […]“ und damit seinen Teil zur „Luftbrücke“ beitrug, oder sich in die viel zu großen Schatten von Willy Brandt, oder Richard von Weizsäcker stellen, oder in die der Demonstrierenden vom Herbst ’89.
Spannend hingegen wird es jenseits des Floskelbingos, wenn man fragt, was eigentlich diese Weltoffenheit, oder diese Freiheit ausmachen und gegen was diese im Zweifel verteidigt werden müssen.
Wenn ich mir die diesjährigen Wahlplakate anschaue…
…dann scheint einer der Gegner, die unbedingt eingehegt werden müssen, die Deutsche Sprache zu sein. „Berlin wird klüger. Lesen, Schreiben, Rechnen statt Gendern.“ heißt es beispielsweise bei der Berliner CDU. Einen hineingewünschten Hauch von Shakespeare könnte man herauslesen wollen:
„Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“ und man möchte hinzufügen „Sonst füllt mit totem generischem Maskulinum die märkischen Trutzburgen.“
Freunde! Die Asterisken (nicht zu verwechseln mit schnauzbärtigen Galliern!) kommen und rauben unsere Kultur!
Die AfD erklärt erwartbar mehrdeutig „Deutsch verbindet“. Die Berliner FDP baut nicht nur Bürokratie, sondern auch Satzbau ab und behauptet im Zweiwort-PR-Stil „Gutes Deutsch. Gute Chancen.“ Vielleicht lag sie auch deshalb in jüngsten Umfragen bei nur 3 Prozent.
Der Spitzenkandidat der Berliner CDU fordert „Goethes Faust statt linker Haken“, kürt sich gar zum „Endgegner vom Schlendrian“, bleibt aber letztlich ein am Genitiv Gescheiterter.
Aber mal im Ernst
Es ist natürlich gut, wenn Menschen miteinander in den Austausch kommen können. Und selbstverständlich ist es auch von unbestreitbarem Vorteil, wenn Kinder dem Schulunterricht folgen können. Dafür gibt es aber Lösungen, die ohne Kulturkampf auskommen.
Ausgerechnet den Berliner:innen…
Absurd ist der Versuch, dem Völkchen an Spree und Havel vorzuschreiben, wie man richtig spricht und in welcher Sprache es das zu tun hat. Ausgerechnet! Berlin ist seit bald 900 Jahren ein Fleckchen Erde, auf dem sich nicht nur Völker, sondern auch Sprachen mischen.
Berlin ist eine Stadt, die immer wieder Lösungen gefunden hat, wenn sie sich ihrer Vielfalt im Positiven bewusst wurde und dieser Vielfalt Rechnung getragen hat. Einfach war es zugegebenermaßen tatsächlich nie, aber dann könnte es ja auch jede:r.
Das Berlinerische ist eine skurrile Mischung aus dem Norddeutschen, dem Rheinischen, dem Jiddischen, Französischen, Polnischen, Schlesischen und Vielem mehr. Sogar die Spandauer haben wir integriert und seit mehreren Jahrzehnten kommen sprachliche Einflüsse der früheren „Gastarbeiter“familien hinzu.
Nicht umsonst wird, wenn es um das Berlinerische geht, sprachwissenschaftlich nicht von einem Diakekt, sondern von einem der seltenen „Metrolekte“ gesprochen.
„Lass mein‘ Akkudativ in Frieden!“
Wir haben uns hier nicht so lustige Sachen, wie den Akkudativ, also eine Berlinerische Eigenheit, bei der der Dativ und der Akkusativ nicht unterschieden, sondern vermischt werden, gebastelt („Meine Schwesta hat’n Kind jekricht. Den, der die das jemacht hat, den suchen wa noch!“), damit Leute im Wahlkampfjahr 2026 auf die Idee kommen, ihren Mitmenschen beizubringen, wie man richtig Hochdeutsch spricht und zu verbieten, Doppelpunkte, Binnen-I’s und Sternchen in Wörter einzubauen so, als hätten wir keine ernsthafteren Themen.
Was soll der Quatsch? Oder wie mein Opa es vermutlich formuliert hätte:
„Woll’n die mich vahohnepiepeln?“
Ich glaube, dass es in dieser Debatte ein Missverständnis gibt.
Kurt Tucholsky wird die Aussage zugeschrieben, dass man bereits nach 6 Wochen ein Berliner sei, nach 6 Monaten ein Amerikaner, aber nie ein Deutscher werden könne. Mancher glaubt aber offenkundig, dass man erst ein ordentlicher Deutscher (was auch immer das sein soll) werden müsse, um ein Teil dieser Berliner Stadtgesellschaft sein zu können.
Wer so denkt, hat diese Stadt nicht verstanden. Wer so denkt, hat nicht verstanden, warum Berlin ein Sehnsuchtsort für viele Menschen ist.
Dass man Berliner:in sein kann, auch ohne verbissen Anhänger Deutscher Leitkultur (was auch immer das meinen soll) sein zu müssen, war auch einer der Gründe für die Verachtung der damaligen NS-Führung gegenüber dieser Stadt. Da darf man stolz drauf sein. Ick bins.
Es gibt Hoffnung
Berlin war schon immer ein Ort, der seine Ankömmlinge irgendwann auch sprachlich assimiliert hat. Vielleicht ist der Verzicht auf den Genitiv auf dem einen oder anderen Wahlplakat auch schon ein Vorzeichen dessen: wir Berliner:innen haben uns nicht nur den lustigen Akkudativ ausgedacht, sondern verabscheuen den Genitiv genauso, wie es manche Wahlplakaturheber scheinbar auch tun.
Den spießigen und von Vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch, hochdeutsch zu sprechen, sollten wir uns sparen und die Zeit sinnvoll nutzen.
Beispielsweise für einen gemeinsamen Kaffee mit den Nachbarn.
Beitragsbild: Marco Fechner / OpenAi

