Lifestyle-Teilzeit ohne Kanzler, aber am See

Eine Kolumne
Als ich nach dem Ende meiner Realschulzeit in die Berufsausbildung startete, standen die Twin-Towers noch, „Daylight“ von den No Angels war der Nummer 1 Hit des Jahres und die englischsprachige Wikipedia wurde gegründet.
Ein Berliner CDU-SPD-Senat unter Eberhard Diepgen war über seine Selbstüberschätzung, Korruption und einen Bankenskandal gestürzt und hat die Stadt Berlin in ein 60 Milliarden Euro tiefes Loch geworfen. SEEED sangen in „Dickes B“ über billige Mieten in Berlin und Friedrich Merz war Oppositionsabgeordneter und galt als Mann von gestern. „Quality Time“ hieß noch „Freizeit“ und war unverdächtig.
25 Jahre ist das alles jetzt her.
Die Zeit und ihre Entwicklungen sind seitdem über meinen damaligen Ausbildungsberuf hinweggegangen, so dass es ihn heute in der Form nicht mehr gibt, „Daylight“ zählt mittlerweile zu den musikalischen Oldies, die Twin-Towers stehen aus schlimmen Gründen bekanntlich nicht mehr und dass es mal billige Mieten in Berlin gab, glaubt heute niemand mehr, der nicht selbst dabei war.
Die Wikipedia ist vom Projekt zur weltweiten Instanz geworden und Eberhard Diepgen heißt jetzt Kai Wegner. Dieser kämpft aber weiterhin mit den Schulden aus dem Bankenskandal von 2001.
Was sich ebenfalls nicht verändert hat: Friedrich Merz. Der rechnet Arbeitnehmer:innen immer noch vor, dass sie zu faul und zu häufig krankgeschrieben seien, dass wir uns diesen Sozialstaat eigentlich gar nicht mehr leisten können und dass wir doch alle mehr arbeiten müssten. Also außer jenen, die durchs Erben stinkreich wurden, denn diese sind durch die Bürde ihres Erbes schon genug belastet.
Zeitbedingt – und da bin ich eigentlich schon beim Thema – musste dieser Text ein paar Tage warten, bis er den Weg aufs virtuelle Papier finden konnte. In dieser Zeit war ich angesichts des Themas mal empört, mal belustigt, mal frustriert, mal motiviert, mal genervt und am Ende: ernüchtert.
Als es die Runde machte, dass die „Mittelstandsvereinigung“ der CDU das Recht auf Teilzeit abschaffen wollen würde, hat mich das genauso empört, wie die negative Konnotation mit dem Begriff „Lifestyle-Teilzeit“. Man wolle nur noch bestimmte Gründe akzeptieren, aus denen Arbeitnehmer:innen von ihrem Arbeitgeber verlangen können, in Teilzeit zu wechseln. Vorweg: dass Arbeitgeber das wollen, ist aus ihrer Rolle heraus nachvollziehbar. In Zeiten des Fachkräftemangels ist jede Arbeitsstunde wertvoll.
Aber:
Von Politiker:innen erwarte ich einen weiteren Blick und eine andere Prioritätensetzung. Und ich erwarte, dass sie möglichst das komplette Bild darstellen. Dass sie beispielsweise auch erwähnen, dass die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden so hoch ist, wie seit Jahrzehnten nicht und dass die Produktivität je Arbeitsstunde hoch ist, wie nie.
Sie könnten auch fragen, weshalb die Produktivitätsgewinne kaum bei Arbeitnehmer:innen ankommen, oder weshalb diese nicht erst Recht in Teilzeitangebote fließen, aber das wäre vermutlich komplett verwegen. Oder man könnte feststellen, dass man mit besseren Schulen mehr Jugendliche zur Ausbildungsreife bringen könnte und dass man Arbeitnehmer:innen mit Migrationshintergrund nicht mit Debatten übers „Stadtbild“ vergraulen sollte. Aber auch das bräuchte Aktivität statt heißer Luft.
Die Aussage hinter der Forderung nach einer Abschaffung des Teilzeitanspruchs ist im Grunde „Erst kommt die Arbeit und wenn wir als Gesetzgeber anerkennen, dass Dein Bedürfnis nach Freizeit gut genug begründet ist, dann hast Du auch ein Recht darauf.“
Das ist Menschenverachtung in Reinform.
Zum Einen ist der Mensch mehr als seine Eigenschaft, Arbeitnehmer sein zu können. Zum Anderen steht es dem Staat nicht zu, die „Freizeitverwendung“ von Menschen irgendwie zu priorisieren, um damit ein Recht auf Freizeit abwägen zu können.
Ich bin mal mit der Vorstellung gedanklich an das Thema Politik herangegangen, dass ihr Ziel sein muss, das Leben von Menschen besser zu machen und dass es Aufgabe von Politik sein muss, hierfür Vertrauen einzuwerben, Mehrheiten zu organisieren und tragfähige Strukturen zu schaffen.
Friedrich Merz und andere Regierungsmitglieder hingegen werben nicht um Vertrauen, sondern erklären regelmäßig, dass sie der Bevölkerung misstrauen. Was für eine Verdrehung ins Autoritäre!
Krankheitstage werden nicht hinterfragt, sondern Arbeitnehmer:innen wird pauschal unterstellt, dass sie ohne Grund zu häufig krankgeschrieben seien. Arbeitslose sind angeblich nur deshalb arbeitslos, weil sie zu faul seien. Manche hätten „nicht alle Tassen im Schrank“ und Menschen mit Migrationshintergrund stören das „Stadtbild“. Demonstrierende überstrapazieren „dieses Demonstrationsrecht“. Der neueste Schrei sind wie beschrieben diejenigen Arbeitnehmer:innen, die „Lifestyle-Teilzeit“ in Anspruch nehmen, wobei auch diese in die Guten und die Schlechten unterteilt werden.
Ich habe überlegt, aufzuschreiben, wie so ein Alltag eines „Lifestyle-Teilzeit“-Papas aussehen kann, um sichtbar zu machen, dass das wenig mit irgendeinem „Lifestyle“ im unterstellten Sinne zu tun hat, aber warum eigentlich sollte ich mich gegenüber meiner Regierung, oder wem auch immer erklären, was ich mit meiner Zeit mache? Und mit so einer Aufstellung auch noch Futter zur Bewertung „guter“ und „schlechter“ Gründe liefern?
Die Forderung aus der CDU spricht für sich. Dass sie nach einem lauten Aufschrei zurückgenommen wurde, macht es nicht besser, denn sie reiht sich ein in eine ganze Liste von Forderungen mit ähnlicher Stoßrichtung. Es wird nicht die Letzte dieser Art gewesen sein.
Es mangelt der Bundesregierung nicht an Möglichkeiten, sich über die Lebensrealität von Menschen zu informieren, weshalb ich zunehmend zum Schluss kommen muss, dass sie hieran zu häufig schlicht kein Interesse hat. Andernfalls würde sie andere Vorschläge präsentieren.
Diese „Liftestyle-Teilzeit“-Debatte fügt sich in ein Debattenmuster, in dem Bedürfnisse von Menschen und damit auch Familien keinen Platz haben. In dieses Muster passen auch keine Kindheiten hinein. Ebenso wenig finden dort Lebensumstände ihren Platz, die nicht ins kleine, sauerländische Millionärskaro passen: Fragen von Inklusion, Armut und Migration beispielsweise, mit denen auch Schulen und Träger der Jugendhilfe regelmäßig überfordert sind, weil sie nicht die erforderlichen Ressourcen bekommen, um Kinder als Kinder wahrnehmen zu können und nicht als Ansammlung von Diagnosen und Förderstunden.
Diese und ähnliche Debatten bilden ein Muster, in dem die täglichen Bedürfnisse, Wünsche und Aufgaben von Menschen Rechtfertigungen brauchen, die wichtiger sein müssen, als die Verfügbarmachung von Arbeitskraft.
Ein Muster, in dem Kindheit allenfalls als Ressource von morgen eine Würdigung findet, sobald es um künftige Arbeitskräfte geht, in dem aber untergeht, dass Kinder Menschen sind, die auch ein Recht auf Gegenwart haben. Und ein Recht auf Eltern, die Zeit für sie haben.
Dass Wirtschaftspolitiker:innen sich intellektuell derart verzwergen, ist das Eine. Was ich mich aber auch die ganze Zeit frage:
Was machen eigentlich unsere Familienminister:innen von Bund und Ländern die ganze Zeit? Wo bleibt der Widerspruch von denjenigen, die den Begriff „Familie“ bereits in der Amtsbezeichnung tragen? Gibt’s die noch?
Den Gedanken lasse ich noch da und reise in meiner Erinnerung zurück ins Jahr 2015.
Damals durfte ich die Hochzeit von Freunden fotografieren und nach einem seeeehr langen und schönen Tag, der am nächsten Morgen irgendwann gegen 5 Uhr am Ufer des angrenzenden Sees endete, machte ich noch dieses letzte Foto.
Einfach am See sitzen.
Auch eines meiner Vorhaben für den kommenden Sommer.
Das sind die Momente, in denen einem Debatten, wie diese so kleinkariert erscheinen, wie sie es sind. Es sind die Momente der Einkehr, die ich auch manch politisch Handelnden gern hin und wieder empfehlen würde. Nehmen Sie Ihre Familie mit und nehmen Sie sich auch Zeit für Freunde. Arbeit ist wichtig, aber bei Weitem nicht alles.
