Her mit dem schönen Leben!

Was wir Erwachsenen nicht alles werden müssen:
effizienter, pragmatischer, schneller, fleißiger und bemühter. Wir sollen bessere Mitarbeitende werden und als Arbeitnehmer:innen auch bitte nicht teurer. Gleichzeitig bessere Väter und Mütter, aber bitte nicht mit Viertagewoche, dafür mit einem Ehrenamt. Oder mehreren. Medienkompetenter sollen wir werden, resilient sein ohnehin und noch so Vieles mehr.
48-Stunden pro Woche arbeiten und das auch möglichst ohne tägliche Höchstarbeitszeit, aber den Kindern Nachmittags bei den Hausaufgaben helfen.
Und damit wir Erwachsenen nicht allein sind mit unseren widersprüchlichen Zielen, bekommen auch die Kids ihre ToDo-Listen:
die sollen viel lesen. Und lernen sowieso, denn Kinder sind unsere Zukunft. Dass Kinder aber eigenständige Subjekte mit einem Recht auf eine Gegenwart sind, wird häufig vergessen. Und woher das Geld für Bücher und Nachhilfe kommt, wenn sie arm sind auch. Gleichzeitig mögen sie ihre Eltern bitte nicht allzu sehr von deren Arbeit und Ehrenämtern abhalten und wenn ’ne Pandemie ansteht, dann bitte auch zuhause bleiben, damit die Erwachsenen möglichst weitermachen können, wie bisher.
Zuhause bleiben ist auch dann gut, wenn die Kids eine Haut- oder Haarfarbe haben, mit der sie das „Stadtbild“ stören könnten. Gleichzeitig sollen sie sich integrieren. Und wenn sie alt genug sind, sollen sie zum Wehrdienst, oder mindestens ein Gesellschaftsjahr ableisten. Das finden wir Erwachsenen super, weil man da lernt, gesellschaftlich miteinander klarzukommen, sich zuzuhören und aufeinander zuzugehen.
Gleichzeitig sind es diejenigen Generationen (zu denen auch meine gehört), die den Wehr- und Zivildienst noch absolviert haben, die uns die Nachrichtenlage derzeit einbrocken und die dafür sorgen, dass Probleme nicht gelöst, sondern wahlweise auf Migrant:innen, Armutsbetroffene, Teilzeitbeschäftigte, queere Menschen, oder allgemein das „Stadtbild“, geschoben werden.
Ich sehe da einen Widerspruch zwischen der Argumentation und der aktuellen Nachrichtenlage.
Visionen
Ich habe mir am Wochenende die Rede des Bundeskanzlers beim Parteitag der CDU angeschaut. Er erklärte, wir bräuchten mehr positive Visionen. Er möchte „Lust auf die Zukunft machen“. Er hat im Vergleich zu anderen seiner Reden auf viele Zuspitzungen verzichtet und war bemüht, keine Sündenböcke zu benennen. Das haben dann andere übernommen.
Worin diese Vision besteht, von der der Kanzler sprach, oder was genau Lust auf Zukunft machen soll, blieb unklar. Es blieb auch unklar, wem er eigentlich Lust auf Zukunft machen möchte. Und auch, warum er scheinbar glaubt, dass sich ein Bundeskanzler als oberster Animateur verdingen muss. Es würde mir persönlich ja schon reichen, wenn er seinen eigentlichen Job machen und die Lebensentwürfe anderer Leute in Ruhe lassen würde.
Auch habe ich mich gefragt, was das Menschenbild ist, das hinter dieser und anderen Parteitagsreden stand. Ich hörte viel von Wirtschaft. Von Freiheit, die auf Sicherheit und Wohlstand basiere. Von Bürgern, die aufgrund ihres Wohlstands ein selbstbestimmtes Leben leben können. Von „liefern“ müssen und von „anpacken“.
Nur: Freiheit, die den individuellen Wohlstand als Voraussetzung braucht, um nicht zum gesellschaftlichen Sündenbock erklärt zu werden, ist keine Freiheit.
Sicherheit, die darauf basiert, Grundrechte unter Vorbehalt zu stellen, ist keine Sicherheit. Eigentlich sollte das mal eine der historischen Lehren der DDR-Zeit gewesen sein.
Bürger, deren erster Bezugspunkt die Wirtschaft sein soll, sind keine Bürger und erst Recht keine Menschen.
Diese Rhetorik und die daraus folgende Politik ist im Kern eine Entmenschlichung.
Der peinliche Auftritt des Regierenden Bürgermeisters
Als Landesvorsitzender der Berliner CDU war auch Kai Wegner vor Ort und durfte eine Rede halten. Er wusste zu berichten, dass die Bildung in Berlin wieder nach vorne käme, weil Berlin unter der CDU priorisiert habe, dass die Kinder Deutsch können und dass man deshalb die „Vorschule“ wieder eingeführt hätte. Deshalb sei Berlin im Bildungsranking innerhalb von zwei Jahren von Platz 15 auf Platz 11 aufgerückt.
Klingt beeindruckend, ist aber falsch. Zum Einen ist das von ihm gemeinte „Kitachancenjahr“ keine „Vorschule“, sondern eine verpflichtende Sprachförderung im Jahr vor der Einschulung. Zum Anderen existierte das Instrument bereits unter R2G und wurde lediglich modifiziert. Möglicherweise hilft es was, wir wissen es aber noch gar nicht, weil die Gesetzesänderung noch so jung ist, dass es noch gar keine Kinder gibt, mit denen man Vergleichsstudien durchführen könnte.
Hinzu kommt: der Sprung auf Platz 11 im „Bildungsmonitor“ der Arbeitgeber- und CDU-nahen Lobbyorganisation „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ hat mit der frühkindlichen Bildung gar nichts zu tun, sondern vor Allem mit Ausgaben im Hochschulbereich. Zudem wird in der gleichen Studie weiterhin negativ konstatiert: „Viele Jugendliche erreichen nicht die Mindeststandards in Deutsch.“
Da wollte er zeigen, wie man liefert und dann waren es doch nur heiße Luft und die implizite Behauptung, am miserablen Bildungssystem wären insbesondere die Ausländer schuld, weil sie nicht gut genug Deutsch sprechen.
So kommen wir nicht weiter.
Wünsche
Ich wünsche mir eine demokratische Gesellschaft, die sich nicht gegeneinander ausspielen und von Floskeln wie „Effizienz“, „Pragmatismus“. „Führung“ oder „liefern müssen“ einlullen lässt. Nein, eine Demokratie muss nicht „effizient“ sein, sondern sie muss zu Wort kommen lassen und zuhören. Das ist nie „effizient“, es ist aber der einzige Weg, auf dem „wir“ uns langfristig nicht an die Gurgel gehen.
Demokratie muss nicht „liefern“. Sie ist keine Spedition. Genauso wenig ist der Staat ein Konzern, der Menschen nach ihrer betriebswirtschaftlichen Nützlichkeit zu bewerten und bei nicht ausreichender „Nützlichkeit“ vor die Tür zu stellen hat. Und ein Bundeskanzler ist kein Aufsichtsratsvorsitzender.
Ein Regierender Bürgermeister, der merkt, dass er sich irgendeinen Quatsch ausdenken muss, um seinem Parteitag was präsentieren zu können, sollte sich fragen, ob nicht bereits das Grundkonzept des „Liefern müssens“ eine falsche Prämisse in sich trägt.
Ein Senat muss nicht „liefern“, sondern handlungsfähig sein. „Liefern“ suggeriert, es könne einen abschließenden Zustand geben, in dem alles perfekt läuft und den man dann nur noch managen muss. Den gibt es aber nicht, weil auch eine Gesellschaft nie in einem abschließenden Zustand ist. Was aber ein gutes Ziel wäre: sagen zu können „die Berliner Bildungseinrichtungen sind handlungsfähig“.
Das wär mal was. Klingt nicht ganz so großspurig, würde mir fürs Erste aber auch reichen.
Kommen Sie gut in die Woche.
Marco Fechner
