Ein einfacher Grund, weshalb das Schulwesen reformunfähig ist

Es gibt zahllose Analysen zu den Fragen, was im Schulwesen alles geändert werden müsste, wo „es hakt“ und welche Schüler:innengruppen es besonders schwer haben. Es wurden Gutachten geschrieben, Arbeitskreise und Kommissionen gebildet und Vorschläge erarbeitet. Warum klappt es dennoch nicht? Auch hier gibt es eine Vielzahl an Thesen, aber auch einen Punkt, der (in meiner Wahrnehmung) bemerkenswert selten thematisiert wird:

das Bildungssystem kennt auch Gewinner:innen

…und die machen die Regeln. Diese Gewinner:innen waren diejenigen Schülerinnen und Schüler, die es bis zum Abitur und danach durchs Studium geschafft haben und die – Schwierigkeiten wird es sicherlich immer irgendwo gegeben haben – grundsätzlich gut mit dem System klargekommen sind, die nötigen Voraussetzungen mitgebracht haben und die ihre Leistungen abrufen konnten.

Die Krux scheint mir zu sein, dass sich das Bildungswesen insbesondere aus diesem Personenkreis von Generation zu Generation reproduziert. Es sind nicht ehemalige Schüler:innen mit einem mittleren Schulabschluss und handwerklicher Ausbildung, sondern es sind die Lehrkräfte, die ins Parlament gehen, um Schulpolitik zu machen.

Es sind die Gymnasialeltern, die in den Elternbeiräten „vorne“ stehen und es sind die Abiturient:innen unter den Schüler:innen, die in den Schülervertretungen die Gesamt- und Außenvertretung übernehmen. Es sind zumeist studierte Führungskräfte in den Bildungsinitiativen und -Verbänden, die den Ton angeben.

Das Berliner Abgeordnetenhaus

Der Bildungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses beispielsweise hat aktuell (Stand 03.01.2026) 22 Mitglieder. Von diesen haben mindestens 20 das Abitur. Von diesen haben 18 ein abgeschlossenes Studium und 2 studieren derzeit noch. 8 Mitglieder waren vor der Parlamentszeit im Schuldienst.

Hinzu kommen die zuständige Senatorin und ihre drei Staatssekretär:innen. Alle vier haben ein abgeschlossenes Studium, die Senatorin und Staatssekretärin Henke waren vormals ebenfalls im Schuldienst.

Mit gesellschaftlichem Querschnitt hat das nichts zu tun, aber ich möchte das nicht auf diesen Ausschuss fokussieren, sondern diesen zur Verdeutlichung nutzen: das Phänomen ist bundesweit auch in zahllosen anderen Schul- und Bildungsgremien zu beobachten.

Dem Bildungswesen fehlt eine Vielzahl an Perspektiven unter den Entscheider:innen.

Dem Bildungswesen fehlen auf Entscheiderebene strukturell die Perspektiven derer, die mit Schwierigkeiten „durchs System“ gegangen, oder gar an ihm gescheitert sind. Das ist nicht das Veräumnis derer, die sich engagieren, aber es es entsteht ein blinder Fleck, der in meiner Wahrnehmung häufig entweder gänzlich übersehen, oder unter einer gehörigen Portion Paternalismus vergraben wird.

Man möchte „diesen Menschen“ dann helfen, betrachtet sie aber häufig defizitorientiert, so dass nicht am System geschraubt, sondern der Mensch zur Besserung oder Nachhilfe aufgefordert wird. Er soll dann (ich spitze zu) mehr lesen, besser deutsch sprechen, mehr Mathenachhilfe in Anspruch nehmen und bitte auch weniger arm sein, sofern das denn wirklich das Problem sein soll. Man selbst hat es ja mit der nötigen Disziplin auch geschafft.

Ich möchte nicht verallgemeinern: es gibt wirklich gute Bildungspolitiker:innen (sie sind besser, als ihr Ruf), die sich auch drum kümmern, sich Perspektiven „draufzuholen“. Es ist aber ein Unterschied, ob man sich Perspektiven draufholen muss, oder ob man sie bereits in sich trägt.

Die Frage, wie man Menschen für das Thema langfristig begeistern kann, die mal froh waren, mit der Schulzeit eigentlich „fertig“ gewesen zu sein, bleibt drängend. Auch in Eltern- und Schülergremien und in Bildungsinitiativen.

Ohne sie wird das nichts.

Beitragsbild: Marco Fechner/ideogram.ai

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