Aufnahmetests an Berliner Gymnasien. Mehr Elite wagen!
Ein Kommentar
Vorbemerkung: ja, diese Überschrift stammt tatsächlich von mir.
In diesem Jahr haben es sage und schreibe 15 Kinder durch den Aufnahmetest der Bildungsverwaltung für die Zulassung zum Gymnasium geschafft. 15. Die Erregung über diesen Umstand in der Stadtgesellschaft und auch in der Berliner Schulpolitik ist erwartungsgemäß, nachdem auch im vergangenen Jahr eine ähnliche Debatte geführt wurde.
Das muss nicht so sein, denn tatsächlich könnte es im demokratischen Parteienspektrum einen sehr parteiübergreifend herstellbaren Konsens zur Zukunft der Gymnasien geben, wenn auch die Motivlagen unterschiedlich sind:
- die CDU möchte starke Gymnasien,
- die SPD möchte möglichst viele Integrierte Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe,
- die Grünen und die Linken möchten möglichst langes, gemeinsames Lernen, idealerweise in Gemeinschaftsschulen,
- die FDP (derzeit außerparlamentarisch) möchte traditionell starke Gymnasien und weniger zentrale Steuerung.
Das Argument für die Beibehaltung der Gymnasien trotz aller Kritik aus der Bildungswissenschaft und der Soziologie lautet immer wieder, man bräuchte Bildungseinrichtungen für die besonders starken Schülerinnen und Schüler, die beispielsweise schneller lernen, als andere Kinder.
Bisweilen wird auch mit besonderen Profilen argumentiert, dieses Argument ist aber wenig stichhaltig. Latein ab Klasse 5 könnte beispielsweise auch an Gemeinschaftsschulen unterrichtet werden. Man müsste diese Angebote lediglich schaffen und dafür sorgen, dass sich genügend Kinder finden, um beispielsweise in der Abiturphase Leistungskurse zusammenbekommen zu können. Die Aufgabe ist nicht trivial, aber auch nicht unlösbar.
Was tun mit besonders herausragenden Schülerinnen und Schülern?
Die Antwort geben besondere Einrichtungen, wie die Eliteschulen des Sports: Unterrichtsbetrieb mit punktueller Förderung auf Spitzenniveau mit sehr hohen Aufnahmekriterien und Aufnahmetests, die von den jeweiligen Schulen konzipiert werden. Warum kann man dieses Konzept nicht auf andere Schwerpunkte ausweiten?
Was hindert uns, weniger in einer in einem Ständesystem wurzelnden Schulstruktur, als in Schulprofilen denken?
Um zum Abitur zu kommen, braucht es die Gymnasien in Berlin mittlerweile nicht mehr, weil es auch Angebote an vielen integrierten Sekundarschulen, Gemeinschaftsschulen und Oberstufenzentren hierfür gibt. Das betont selbst die Bildungssenatorin von der CDU regelmäßig.
44 Prozent
Derzeit besuchen rund 44% der Berliner Kinder und Jugendlichen, die eine weiterführende Schule besuchen, ein Gymnasium (Quelle: „Blickpunkt Schule“ der SenBJF). 53% der Grundschüler:innen haben in diesem Jahr eine Gymnasialempfehlung erhalten (Quelle: Bildungssenatorin im Bildungsausschuss vom 05.03.2026).
Diese hohen Quoten können schon statistisch keine „Leistungsspitze“ sein. Vielmehr teilt dieser Schulzweig die Berliner Kinder und Jugendlichen zu seinen Bedingungen in zwei beinahe gleich große Gruppen mit allen Folgen auch für die Zusammensetzung der Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen.
Eine mögliche Lösung
Die Lösung könnte darin bestehen, alle Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen mit einer eigenen Oberstufe (Sekundarstufe II) auszustatten und die Zahl der Gemeinschaftsschulen insgesamt zu erhöhen. Abiturmöglichkeit für Alle, die es versuchen wollen!
Gleichzeitig müsste die Zahl der Gymnasien massiv verringert werden und man müsste diesen Schulen die Aufgabe zuweisen, ihre Profile noch mehr zu schärfen und zu spezialisieren. Dafür dürften sie aber nicht mehr als 5% der Berliner Schülerinnen und Schüler, die weiterführende Schulen besuchen, beschulen. Diese neuen Schulen müssten dann so spezialisiert sein, dass sie sich weniger über ihre Schulform, als vielmehr über ihr Profil definieren.
Wir brauchen keine neuen Gymnasien, sondern „Eliteschulen“ für MINT, Sprachen, Künste und mehr.
95% der Kinder lernen möglichst lange gemeinsam und voneinander und die 5%, die besonders herausragen, bekommen eine spezialisierte Förderung, die noch deutlich mehr möchte, als die Kinder zum Schulabschluss zu führen.
Was hindert uns?
1. Die Widersprüchlichkeit Berliner Schulpolitik
Man kann sich nicht zu „starken Gymnasien bekennen“ wollen (Koalitionsvertrag) und gleichzeitig einen „Bildungskrieg“ vermuten, wenn eine Bezirksstadträtin die Idee in den Raum stellt, ein Gymnasium in eine Integrierte Sekundarschule umzuwandeln. Damit würde nämlich nicht nur eine weitere Integrierte Sekundarschule geschaffen, sondern zeitgleich würden die Gymnasien gezwungen, sich noch mehr mit ihren Auswahlkriterien auseinanderzusetzen.
Es wäre eine inhaltliche Stärkung der Gymnasien. Es ist nicht möglich, Spitzenförderung zu forcieren, ohne die Zielgruppe mit Spitzenerwartungen auszustatten, die auch nur von einer sehr kleinen Gruppe erreicht werden können. Beispielsweise ist der Intelligenzquotient, der auch eine kognitive Hochbegabung anzeigen kann, ein statistischer Wert. Es können nach diesem nicht mehr als 3 Prozent der Mitglieder einer Gruppe hochbegabt sein.
Die Debatte um das Charlottenburger Waldgymnasium ist insofern kein einzeln stehendes Ereignis, sondern Symptom einer nicht zu Ende gedachten Debatte über Schulstrukturen.
2. Personalmangel
Derzeit ist es so, dass die Integrierten Sekundarschulen kleinere Klassen haben, als Gymnasien und zeitgleich ein Jahr mehr Zeit bieten, um zum Abitur zu gelangen, als die Gymnasien. Würde die Bildungssenatorin den Weg zur Stärkung der Gymnasien konsequent verfolgen, müsste sie die Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen massiv ausbauen, die Zahl der Gymnasien deutlich verringern und viel mehr Personal einstellen.
Das Ziel, Gymnasien zu stärken, würde ironischerweise zu einem erhöhten Personalbedarf führen, der sich vor Allem an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen kristallisieren würde. Hinzu käme der Personalbedarf, der sich ergäbe, würde man Gymnasialklassen mal wieder unter eine Größe von 32 Kindern bekommen wollen.
3. Zu viel zentrale Steuerung
Warum konzipiert die Bildungsverwaltung Aufnahmetests für die Gymnasien? Wenn Schulen ihr Profil kennen, wissen sie am besten, welche Kriterien sie vor einer Aufnahme abprüfen sollten. Viele Gymnasien halten das bereits heute so.
4. Beharrungskräfte auch unter Eltern
Es gibt viele Gründe, warum Eltern ihre Kinder auf Gymnasien schicken wollen. Das kann das Bedürfnis nach einem besonderen Schulprofil sein (was aber lösbar wäre), das kann Unzufriedenheit mit der Grundschule sein, die bereits zum Wechsel ab Klasse 5 motiviert (auch das wäre lösbar) und es kann ein Gefühl von „alle in unserer Familie waren auf einem Gymnasium“ sein. Hier bräuchte es überzeugende Schulen, aber es wäre lösbar.
Mitunter wurzelt die Entscheidung für ein Gymnasium aber auch im Gefühl, dass die Zusammensetzung der Schulgemeinschaft an der örtlichen Sekundarschule einem nicht gefällt. Das ist ein häufiger Grund, aber keiner, der häufig offen ausgesprochen wird. Auch aus diesem Grund braucht es eine Auflösung der beinahe hälftigen Teilung der Berliner Schüler:innenschaft. Die aktuelle Situation spaltet nicht nur die Schüler:innenschaft, sondern auch die Stadtgesellschaft und verhindert Begegnung.
Dürften die Gymnasien nicht mehr als 5% der Schüler:innen eines Jahrgangs aufnehmen, würden auch die Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen deutlich gestärkt.
Beitragsbild: Marco Fechner / OpenAi