Wie geht’s Dir?

Ja, ich frage Dich!

Mitunter fühle ich mich beispielsweise bei Facebook wie ein Äffchen im Versuchslabor: man wird mit Reizen getriggert und darf dann aus fünf Knöpfchen auswählen, ob einem etwas gefällt, ob es einen wütend macht, ob man es lustig findet, ob es traurig macht, oder ob man etwas so toll findet, dass man ein Herzchen vergeben mag. Wir drücken Knöpfchen und gehen hinterher aufeinander los.

Worin es in diesen „Debatten“ dann aber erstaunlich oft widerum nicht geht:

darum, wie man sich selbst, oder das Gegenüber sich bei einem Thema eigentlich fühlt. Es ist eine unterkühlte vermeintliche Sachlichkeit, die mich regelmäßig erschaudern lässt und die dazu führt, dass vermeidbare Tragödien zum Ergebnis von natürlichen Umständen umdeklariert werden. Tote im Mittelmeer werden beispielsweise zum Ausweis „gelungener Grenzsicherung“. Das ist der gleiche bittere Zynismus, wie man ihn noch von Honecker und seinen Kollegen kennt, nur, dass diesmal keiner raus, sondern rein will.

Wie geht es Ost-Rentnern, denen man nicht nur die Lebensarbeitsleistung abgesprochen hat, sondern denen man genau das auch jeden Monat mit der Rentenzahlung wieder auf den Kontoauszug schmiert? Klar muss man über Rentenfinanzierungen diskutieren und das alles volkswirtschaftlich durchdenken, aber wo bleibt der Betroffene mit seinem Bedürfnis, nicht nur nicht arm, sondern auch wertgeschätzt zu sein? Wo ist die Empathie füreinander auf der Strecke geblieben? In der Tat und in der Sprache?

Darf man das N-Wort benutzen, um dunkelhäutige Menschen zu beschreiben? Es gibt Menschen, die sagen, dass man das dürfe, das habe man früher schließlich auch ohne Probleme gemacht und irgendwer hat irgendwen neulich sogar „Kartoffel“ genannt. Dass das N-Wort „damals“ schon falsch und rassistisch war, wird dabei geflissentlich übersehen. Wie es den Gemeinten mit dieser Zuschreibung geht, auch. Es geht hier nicht um eine akademische Debatte über Sprache, sondern um die Frage, ob man bereit ist, sein Gegenüber wahrzunehmen. Möglicherweise benutzt man den Begriff sogar ohne Böswilligkeit, aber was hindert einen daran, sich umzugewöhnen? Ist die eigene Gewohnheit wichtiger, als die persönliche Würde des Gegenüber?

Wie geht es der jungen Familie, die regelmäßig Kitaplätze, funktionierende Schulen und bezahlbare Mieten versprochen bekommt, die aber sehen muss, dass so gut wie nichts in der Richtung passiert, während die Politik den Ü50-Wählern aus demografischen Gründen vieles hinterherträgt? Wo müssen „die Sorgen der Menschen ernst genommen werden“, wenn DemonstrantInnen mal unter 40 sind? Wie fühlt sich diese Familie?

Aber haben Ü50-WählerInnen schon wieder eigene ungehörte Probleme, die die junge Familie gar nicht erst wahrnimmt und deshalb ungerecht agiert, ohne es zu wollen? Was bringt uns dann eine Diskussion über die Berechnung von Rentenpunkten?

Wenn ich über meine Wahlentscheidung nachdenke, dann ist meine Perspektive die eines mittedreißigjährigen Familienvaters in der Großstadt und so sind dann auch meine Prioritäten. Dass ich die Interessen von Landbewohnern Ü50 nicht kenne, liegt in der Natur der Sache – sie sind mir aber nicht egal. Und manchmal muss ich mich auch selbst an meinen eigenen blinden Fleck erinnern.

Wie oft werfen sich Befürworter und Gegner der #FridaysForFuture irgendwelche irgendwo angelesenen und nicht eingeordneten CO²-Werte um die Ohren, anstatt gegenseitig einzuräumen, dass man mehr Angst als Ahnung hat – die einen um die Zukunft ihrer Kinder in einer überhitzten Welt und die anderen vor den Folgen fehlender Unterrichtseinheiten. Und wie kommt man vom Dorf zum Einkaufen in die Stadt, wenn Autos (angeblich) verboten werden sollen? Muss man dann selbst in eine dieser Städte mit überhöhten Mieten ziehen?

Darf oder muss man #MitRechtenReden? Eine schwierige Debatte ohne eine eindeutige und pauschale Antwort, aber wie wäre es dann auch mal mit einem #MitOpfernReden? Das hätte nicht nur, aber auch etwas mit Empathie zu tun.

Wie umgehen mit Emanzipationsbewegungen? Wie geht es einem älteren Herrn, der plötzlich berufliche Konkurrenz von jungen Frauen bekommt und wie geht es betreffenden jungen Frauen, denen man Steine in den Weg legt? Diese Fragen mögen für manche reaktionär bzw. naiv klingen, aber sie wären ehrlicher und wohl hilfreicher, als jede rhetorisch hochgerüstete Diskussion über Rollenbilder, Statistiken und Steuersysteme, gleich, aus welcher Richtung des Meinungsspektrums man sie anfängt. Ich will keine doppelseitigen Kolumnen mehr lesen, in denen (sinnbildlich gesprochen) Sophie Passman und Jan Fleischhauer aneinander vorbeischreiben.

Argumente haben wir uns insbesondere in den vergangenen Jahren zahllose um die Ohren geschlagen. Weitergebracht haben sie uns letztlich nur bedingt. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Gefühlswörter der Deutschen Sprache wiederzuentdecken, um die erkaltete Sprache wieder etwas zu wärmen. Das braucht Mut – insbesondere in den „sozialen“ Netzwerken. Und es macht angreifbar. Aber möglicherweise könnte es eine Chance sein.

Ich erlebe immer wieder, dass sich in den Netzwerken Leute beharken, die ich kenne und bei denen ich denke, dass die im realen Leben miteinander vermutlich einen deutlich entspannteren Abend hätten. Vielleicht sind die sozialen Medien ein wesentlicher Teil des Problems. In jedem Fall ist es die Kommunikationskultur, der auch viele Nutzer sich ergeben (ich oft genug eingeschlossen). Es wird Zeit, wieder wirkliche Dialoge zu beginnen. Dieses kommunikative Fast-Food bekommt nicht gut. Ich werde es versuchen.

 

Und ich frage Dich: wie geht es Dir?

 

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