„Vor die Welle kommen.“

Gleich, wo man dieser Tage Nachrichten liest und mit Leuten spricht, ist immer wieder die Rede davon, dass man bezüglich der Diskussionen und Maßnahmen rund um Corona „vor die Welle“ kommen müsse.

Ich stelle deshalb mal mit Blick auf die vergangenen Tage und Wochen und die Diskussionen in der Schule und den verschiedenen Gremien auf Schul- Bezirks- und Landesebene (per Videokonferenz immer mit 2 Km Sicherheitsabstand zum Kollegen) einen möglicherweise gar nicht so spekulativen und persönlichen Ausblick auf die Diskussionslage in vier Wochen an, wenn die Osterferien vorbei sind, denn ich glaube, das ist die Perspektive, aus der jetzt schon gedacht werden sollte.

Mittwoch, 15.04.2020:

Die Bundesregierung verkündet, dass die Schulen in Rücksprache mit den Bundesländern für einen weiteren Zeitraum von vier Wochen, also bis Mitte Mai geschlossen bleiben. Einerseits fiel die Entscheidung, weil die Beschränkungen im Bezug auf Corona in einigen Bundesländern ohnehin schon bis Ende April festgesetzt sind und man da synchron bleiben will, andererseits, weil man feststellt, dass sich eine Pandemie nicht nach dem Osterfest richtet.

Im Berliner Senat stellt man fest, dass das Schuljahr ab Mitte Mai nur noch etwa einen Monat hat (die Ferien beginnen bereits in der letzten Juniwoche) und es beginnt eine heiße Diskussion über folgende Fragen, die man am besten schon spätestens Ende März, Anfang April beantwortet hätte:

Benotung zu Hause erbrachter Leistungen: Kann man die zu Hause erbrachten Leistungen von Kindern benoten, wenn klar ist, dass die Lernbedingungen, die Kinder in den Elternhäusern vorfinden, höchst unterschiedlich sind und es über Monate hinweg keine einheitliche und barrierefrei erreichbare Alternative zum Homeschooling gab? Oder anders formuliert: kann man Eltern die Aufgabe der Schulen übertragen (Stoffvermittlung) und anschließend die Kinder durch Tests, die voraussetzen, dass alle die gleichen Bedingungen hatten, dafür verantwortlich machen, wenn Eltern nicht die Rolle der Lehrkraft ausfüllen konnten? Wenn nein:

  • wie will man gewährleisten, dass alle Berliner Kinder auf einen ihrer Jahrgangsstufe entsprechenden Lernstand kommen, bevor es hierfür eine Benotung gibt?
  • Wann sollen diese Inhalte vermittelt werden?
  • Wie wird sichergestellt, dass SchülerInnen, die die Schule wechseln (von der Grund- in die weiterführende Schule) diesen Lernstoffverlust an der neuen Schule unter fairen Bedingungen aufholen können?
  • Wird sichergestellt, dass die Verantwortung, hierfür Regelungen zu finden, nicht wieder den Schulleitungen übergeholfen wird, sondern dass es hier zentrale Festlegungen gibt?

 

Anstieg der häuslichen Gewaltvorfälle: ein Punkt, bei dem ich inständig hoffe, dass ich mich geirrt haben werde. Häusliche Gewalt ist in nicht wenigen Berliner Elternhäusern ein trauriges Thema und für diese Kinder ist die Schule oft nicht nur ein „Rückzugsort“, sondern auch ein Ort, an dem registriert wird und eingeschritten werden kann, wenn Kinder beispielsweise mit Blessuren zum Unterricht erscheinen. Diese Kinder sind für die Schulen derzeit unsichtbar (Jugendämter warnen bereits, meldet nicht nur der Tagesspiegel) und die Sorge dass die Situationen zu Hause sicher auch nicht besser werden, wenn sich alle Beteiligten quarantänebedingt permanent „auf der Pelle hocken“, ist sicher auch nicht weit hergeholt. Insofern stellen sich mir heute folgende Fragen:

  • Welche Maßnahmen sind sofort verbindlich festzulegen und in den Verwaltungen anzuordnen, um die betreffenden Kinder zu erreichen?
  • Welche Maßnahmen können sofort berlinweit einheitlich und verbindlich eingeleitet werden, um diesen Kindern den „Rückzugsraum Schule“ oder ein Alternativangebot zu öffnen?
  • Welche Möglichkeiten haben die einzelnen Schulen bereits jetzt und was wird tatsächlich unternommen, um so präventiv zu arbeiten, wie es unter den derzeitigen Umständen möglich ist?

Digitale Ausstattung der Schulen/Homeschoolingangebote/virtelle Plattformen: Eine digitale Entsprechung der Berliner Bildungslandschaft ist eigentlich schon lange überfällig, denn dies hätte zahllose Vorteile für alle Beteiligten, aber solange die Schulen geschlossen sind, ist dieses weitgehende Fehlen vielmehr noch ein existentielles Problem.

Natürlich kann die Bildungsverwaltung hervorheben, dass ihr „Berliner Lernraum“ ein Moodle ist, das derzeit stark wächst, aber solange nicht nur nicht alle Schulen und deren Akteure dort vertreten sein können (oft weil die technischen Voraussetzungen fehlen) und wir noch nichtmal den Standard haben, dass jede Berliner Lehrkraft eine eigene Dienst-eMail-Adresse hat, brauchen wir nicht über derlei Beinahekunststückchen nachdenken, die anderswo bereits seit Langem zum guten Ton gehören.

Dennoch braucht es eine umgehende Lösung zur Frage, wie die Kinder einheitlich und barrierefrei zwecks Beschulung erreicht werden können und dies kann aus meiner Sicht in der derzeitigen Situation eigentlich nur eine Digitale sein. Wir reden hier nicht von Zukunftsmusik und „nice to have“, sondern um die Frage, wie die Kinder nach Ostern beschult werden sollen. Es kann jedenfalls nicht das Ziel sein, dass die Kinder jetzt bis zum Schuljahresende Arbeitsblätter bearbeiten, welche die bisher vermittelten Kenntnisse „festigen“, ohne im Unterrichtsstoff weiterzukommen und dass der jetzt versäumte Stoff von dann drei Monaten in dann vielleicht noch verbleibende 3-4 Wochen gepresst wird.

Die bisherigen Antworten der Senatsverwaltung und ihrer VertreterInnen zu diesen Fragen waren zuletzt oft sehr schwammig mit der Begründung, dass man derzeit noch „auf  Sicht fahre“. Ich glaube, dass von einer Senatsverwaltung mehr erwartet werden muss, als in einer solchen Situation „auf Sicht“ zu fahren.

Niemand kann in die Zukunft schauen, aber ein paar vorhandene Gedankenspiele,  Erfahrungen und Rückmeldungen aus LehrerInnenschaft, Elternschaft und Verwaltungen kann man ja mal zusammenbringen, um dann zu planen…

Über MarcoFechner 44 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.

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