Und Du so?

Ich hab‘ ja auch keine abschließende Antwort auf die großen und grundsätzlichen Systemfragen. Möglicherweise auch deshalb, weil „das System“ aus der unterschiedlichen Perspektive verschiedener Menschen ein jeweils Anderes ist. Aber ich glaube an etwas:

Ich glaube daran, dass es Sinn ergibt, vom „Grundsatzroß“ runterzukommen, Problemstellungen möglichst klar zu formulieren, diese in viele kleine Einzelaufgaben zu zerlegen und diese dann anzugehen.

Der Kohlekumpel in der Lausitz und die junge Studentin in Berlin sind keine Gegensätze. Beide wollen eine Zukunft, in der sie Menschen um sich herum haben, mit denen sie gern zusammen sind, beide wollen ihre Miete bezahlen können und beide wollen im Wissen darum leben können, dass die eigene und die Zukunft der Angehörigen eine Sichere ist.

Eltern von Schulkindern und Lehrkräfte sind keine natürlichen Gegner, sondern haben berechtigterweise Erwartungen an die jeweils Anderen, aber sie stehen in meinem Verständnis auf der gleichen Seite: beide wollen, dass Schulkinder gut durch die Schulzeit kommen und selbst dabei möglichst viel Spaß und möglichst wenig Stress haben.

Ältere und jüngere Menschen sind keine Gegner. Das Problem ist die ungelöste Rentenfrage.

Widersprüche zu konstruieren, kann für viele Seiten Vorteile haben. Vermeintliche Widersprüche lenken ab, sie produzieren oft auch Auflage und Reichweite und sie können bequem sein, weil sie niemanden dazu zwingen, sich mit möglichen Ursachen und der Komplexität der Gegenwart auseinanderzusetzen, oder gar einen Teil zur Lösung beizutragen, die in vielen Bereichen so dringend gebraucht wird.

Es gibt Leute, die gern was Anderes erzählen, aber tatsächlich leben wir im Weltmaßstab auf einem der besseren Fleckchen Erde mit einem (noch) außergewöhnlichen Maß an Freiheiten. Es ist jedermanns gutes Recht, diese zu nutzen und einzufordern.

Kürzlich unterhielt ich mich mit einer Bekannten, die frustriert war, weil die Arbeit in vielen Berufen nichts mehr wert sei. Ich sehe das tatsächlich eher anders: ich nehme wahr, dass viele ArbeitgeberInnen händeringend nach MitarbeiterInnen suchen, dass selbst Berufsneulinge oft gut bezahlt werden und dass der Langmut selbst mit nicht gut qualifizierten neuen MitarbeiterInnen derzeit außergewöhnlich groß ist. Gerade in der heutigen Zeit kann man gegen schlechte ArbeitgeberInnen auch mit den Füßen abstimmen und woanders hin wechseln.

Wir befinden uns in einem technologischen Umbruch, dessen Folge ist, dass tatsächlich viele Jobs ihren Wert verlieren, weil diese entweder digitalisiert/automatisiert werden, und/oder schlicht ein Überangebot an Arbeitskräften vorhanden ist. Das ist aber weder persönlich gemeint, noch bedeutet es, dass es nichts zu tun gäbe. Die Jobs sind nur woanders, also hinterher (!) und wenn man bereits einen Job hat, gibt es genug vor Ort in Ehrenämtern (Elternvertretungen, freiwillige Feuerwehr, Nachbarschaftshilfe etc…) zu tun, wenn dazu die Zeit bleibt.

Es werden natürlich viele Leute in technischen und handwerklichen Berufen gesucht, aber genauso braucht es viele, viele Menschen, die zum Beispiel das Gemeinwesen wiederbeleben und am Leben halten:

  • Menschen, die unseren Kindern was beibringen.
  • Menschen, die sich um Ältere kümmern.
  • Menschen, die sich darum kümmern, dass Kieze nicht nur wirtschaftsfaktoren, sondern auch ein sozialer Lebensraum sind
  • Menschen, die sich in Kreis- und Gemeindetagen um die örtliche Kommunalpolitik kümmern und und und….

Ich halte das Ehrenamt übrigens für die beste Idee gegen Einsamkeit und gesellschaftliche Isolation und für viele der eben beschriebenen Tätigkeiten gibt es Jobs, die mittlerweile sogar oft gut bezahlt sind.

Mich nerven diese permanenten gefühligen Debatten darüber, wer sich nun gerade wieder benachteiligt fühlt (Jüngere, Ältere, Eltern, Lehrkräfte, PolizistInneen, Erbinnen und Erben…) und dass die gefühlte Gefühlslage mittlerweile ein politischer Faktor geworden ist, der die Existenz von Fakten ersetzt und beispielsweise Naturwissenschaften oder Armutsquoten zu einer Frage des persönlichen „Mindsets“ reduziert. Die Folge ist dann, dass zu viele ihre persönliche Antwort auch gern gleich ganz grundsätzlich und allgemeinverbindlich umgesetzt haben wollen, was auch nicht cool und ist in der Vergangenheit selten zu mehr Lebensqualität geführt hat.

Ich glaube, dass „wir“ das besser hinbekommen, wenn wir die Frage „Wie geht es mir damit?“ in „Was kann mein konkreter Beitrag sein, damit es mir und anderen besser gehen kann und wie geht es eigentlich meinen Mitmenschen?“ ändern. Aufmerksamkeit fordern ist einfach. Aufmerksamkeit schenken ist um Längen schwieriger und das wäre dann sogar fast sowas wie ein grundsätzlicher Systembruch.

Über MarcoFechner 40 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.