Stell Dir vor, Dein Kind ginge gern zur Schule.

Buchcover „Der tanzende Direktor“ von Verena Friederike Hasel

Kurz vor Jahresende habe ich mich gefreut, dass ein Buch mehrfach medial besprochen wurde, das zu meinen persönlichen literarischen Highlights des Jahres gehörte: „Der tanzende Direktor“ von Verena Friederike Hasel. (Hier eine lesenswerte Rezension des Bayerischen Rundfunks)

Sie schreibt darin unter Anderem von den Erfahrungen, die ihre Tochter mit dem neuseeländischen Schulsystem gemacht hat, mit welchen Methoden unterrichtet wird, mit welchen Mitteln und Kompetenzen die Schulen ausgestattet sind, welche Anforderungen an Lehrkräfte gestellt werden und welche Erwartungen die Schulen an Eltern haben. All die Fragen, die mich auch ständig in meinen schulischen Ehrenämtern umtreiben, die in Neuseeland aber scheinbar sehr anders beantwortet werden, als bei uns in Deutschland und was am Ende dazu führt, dass Neuseeland in Bildungsrankings stets sehr weit vorne liegt. Ich war und bin davon nach wie vor begeistert. Es gibt in vielen Bereichen riesige Unterschiede (alles zu schildern, würde jetzt hier den Rahmen sprengen. Lest das Buch gern einfach selbst. Von mir gibts eine uneingeschränkte Leseempfehlung), aber auf etwas Wesentliches möchte ich eingehen:

dem Blick der Schulen auf das Lernen und auf „das Kind“.

Die Deutschen Schulen erinnern mich immer wieder an Fabriken: alle Kinder zu einem festgelegten Zeitpunkt rein, nach Altersgruppen sortieren, alle lernen zum gleichen Zeitpunkt mit den gleichen Methoden den gleichen Stoff und wer nicht sofort mitkommt, weil er nicht ins System passt und deshalb den vorgeschriebenen Stoff nicht (zeitgerecht) begreifen kann, verlässt den Betrieb als „Mängelexemplar“.

Es wird zwar mittlerweile viel unternommen, um diese „Mängelexemplare“ gezielter zu fördern, allerdings ist das Ziel das Gleiche geblieben: das Kind soll am Ende die Norm erfüllen, die der Rahmenlehrplan hergibt.

Ob Kinder in bestimmten Feldern einfach nur länger, oder einen anderen Zugang brauchen, ist dabei unerheblich und ich glaube, dass wir damit nicht nur viele Kinder kaputtspielen, sondern auch Eltern unnötig stressen und verunsichern und letztlich auch nicht das erreicht wird, was das eigentliche Ziel sein sollte: gebildete Jugendliche, die neugierig in die Welt hinaustreten und in der Lage sind, sich in dieser selbstständig zurechtzufinden. Ich habe schlicht den Eindruck, dass wir unsere Kinder so sehr mit Lernstoff, Erwartungen, vorgeschriebenen Methoden und Vergleichen „vollstopfen“, dass viele darüber hinaus das naturgegebene Interesse am Lernen verlieren und nachgewiesenerweise oft sogar krank werden. Die Zahl der psychosomatischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen (und auch die Zahlen der erkrankten Lehrkräfte; diese sind nicht minder leidtragend im System) sind geradezu erschreckend und ich finde nicht, dass das so hinnehmbar ist.

Wie sollen Jugendliche nach Abschluss der Schule die Energie haben, aufgeschlossen und neugierig in die Welt hinauszutreten, wenn sie erstmal eine Therapie brauchen? Und ist es wirklich ratsam, dass schon ZweitklässlerInnen Angst davor haben, Fehler zu machen, weil man ihnen permanent einredet, irgendeine Norm erfüllen zu müssen, weil sonst… ja was eigentlich?

Wir haben beispielsweise zwei Kinder, die bedingt durch ihren Altersunterschied zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten das Fahrrad fahren gelernt haben. Während unsere Tochter deutlich unsicherer war und lange gebraucht hat, war das bei unserem Sohn kaum ein nennenswertes Thema. Er ist das erste Mal aufs Rad gestiegen und ein paar Stunden später hat es geklappt. Heute fahren beide mit viel Spaß mit ihren Drahteseln und ich frage mich, wie das ausgegangen wäre, wäre das Radfahren-Lernen Teil der schulischen Aufgaben gewesen. Zensuren, Haltungsnoten, Zeitdruck, Auswertung vor der Klasse, Zeugnis.

Die neuseeländischen Schulen scheinen sehr stringent in ihrer Stoffvermittlung zu sein, während sie aber – und das ist einer der großen Unterschiede – deutlich kindgerechter in ihren Methoden und auch deutlich empathischer sind. Ich finde es auch gut, dass Fehler dort tatsächlich angegangen werden (die in Berlin nach wie vor genutzte Methode des „Schreibens nach Gehör“ mit akzeptierten und anfänglich nicht korrigierten Fehlern ist ein Graus), es gibt aber eine andere, freundlichere und produktivere Kultur des Umgangs mit Fehlern. Während in Deutschen Schulen Fehler geradezu als negativ angesehen bis bestraft werden, nimmt man sie in Neuseeland als Anlass, es beim nächsten Mal besser zu machen und löst das mit den Kindern, ohne ihnen das Gefühl zu geben, schlecht zu sein.

Die Autorin beschreibt in ihrem Buch eine Schulstunde, in der die SchülerInnen einer Grundschulklasse die Aufgabe gestellt bekamen, Spielzeugbären zu sortieren. Diese hatten unterschiedliche Größen, Farben etc., so dass sich mehrere Möglichkeiten der Sortierung ergeben konnten, die den Kindern jedoch freigestellt war. Die Kinder sollten hierdurch mehrerlei lernen:

  1. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen auf die gleiche Situation (was zur Folge hat, dass jedes Kind nach einem anderen Schema sortiert).
  2. Es gibt unterschiedliche Lösungswege.
  3. Es gibt möglicherweise mehrere richtige Lösungen.

Wichtig war, dass die Kinder ihren MitschülerInnen hinterher jeweils ihre Sortierung vorgestellt haben, wodurch sie gleich spielerisch und ohne großes Aufhebens üben, ihre Arbeit zu präsentieren und (wichtig!) ihre Entscheidungswege zu erläutern (eine Disziplin, die in Neuseeland ohnehin deutlich mehr geübt wird, als bei uns, wie mir scheint) und dass jede Sortierung von der Lehrkraft fotografiert wurde. Die Fotos wurden hinterher in der Klasse aufgehängt und die Beschriftung darunter schriftlich erwähnt. Einer der Schüler hat nicht mitgearbeitet, weil er mit der Übung überfordert war. Die Lehrkraft hat seinen „Bärenberg“ dennoch fotografiert und diesen mit „Bären machen eine Pause“ untertitelt. Anschließend hat sie sich notiert, dass der Schüler in den kommenden Wochen ergänzende Begleitung bekommen soll. Die Unzulänglichkeiten von Kindern werden nicht vorgeführt.

Ich finde es fantastisch (und elementar), wenn Kinder beispielsweise in Mathematik (das in Neuseeland „problem solving“ heisst) nicht mit Methoden vollgestopft werden, sondern ihnen Mittel an die Hand gegeben werden, selbst Lösungen zu entwickeln. Zu lernen, dass es immer mehrere Wege zu einer Lösung geben kann ist eine Erkenntnis, die in Zeiten der Digitalisierung und allem, was mit ihr einher geht, gar nicht wichtig genug eingeschätzt werden kann.

Respekt

Wir reden immer wieder über „Respekt“ gegenüber den Lehrkräften. Das finde ich richtig. Und wir reden immer wieder über den Respekt, den Lehrkräfte den Kindern entgegenbringen sollen. Auch das finde ich vollkommen richtig.

Allerdings: viel zu oft glauben wir scheinbar, dass sich Respekt nur mit einer autoritären Herangehensweise herstellen lässt. („Früher haben die Schüler noch auf die Lehrer gehört!“). Vergessen wird allerdings oft, dass sich dieser „Respekt“ oft schlicht aus Angst gespeist hat und Respekt, der aus Angst rührt, ist kein Respekt, sondern schlicht Angst und wer Angst hat, lernt schlechter, fühlt sich unwohl und wird krank. Und was ist das eigentlich für ein Menschenbild, das dahintersteht?

Wir reden in den Schulischen Gremien auf allen Ebenen über Rahmenlehrpläne, über die Anzahl von Schuljahren, über die Zahl von Unterrichtsräumen, über Schuleinzugsgebiete, über die Ausbildung der Lehrkräfte etc… Ich möchte aber, dass wir auch über Empathie zwischen allen Beteiligten und über kindgerechtes Lernen reden. Kinder denken nicht in abstrakten Zahlenreihen, sondern brauchen Lernmethoden, die ihren Vorstellungswelten entsprechen und jemanden, der in der Lage ist, ihnen das beizubringen. Ich gebe zu: ich könnte es nicht und deshalb habe ich auch großen Respekt vor jedem/jeder, der/die das kann und deshalb glaube ich auch, dass man Lehrkraft nicht im Crashkurs werden sollte und kann. In Neuseeland muss die Lehrberechtigung beispielsweise alle drei Jahre neue erworben werden und die Lehrkräfte sind auch keine EinzelkämpferInnen, wie bei uns so oft.

Was ist das Fazit des Buchs für mich?

Dass es vermessen wäre, das eins zu eins auf unsere Schulen übertragen zu wollen. Die Neuseeländer haben dieses Schulsystem über Jahrzehnte kontinuierlich entwickelt (auch ein riesiger Unterschied zu uns, die wir gefühlt mit jeder Legislaturperiode eine neue Sau durchs schulische Dorf treiben) und auch die infrastrukturellen Unterschiede sind zu groß, um das übertragen zu können. Ich finde aber, dass man sich das Buch nicht nur durchlesen, sondern auch zum Ansporn nehmen darf, um sich bei zukünftigen Entscheidungen zu fragen, wie wir dem Modell Stück für Stück näher kommen können.

Meine Prioritäten wären dabei:

  • Weniger Auswendiglernen von Methoden und mehr selbstständiges Entwickeln und Finden von Lösungswegen. In einer Zeit, in der alles digitalisiert und automatisiert wird, was lediglich die Reproduktion von Lernbarem ist, braucht es keine jungen Erwachsenen, die Lernbares reproduzieren, sondern Menschen, die in der Lage sind, Sachverhalte zu erfassen, Problemstellungen selbst zu begreifen und eigene Lösungswege zu finden/zu entwickeln.
  • Ein kooperativeres Miteinander aller, die an „Schule“ beteiligt sind, also von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und Eltern. Ein Lernen auf Augenhöhe, auch, wenn die Lehrkraft gefordert ist, den Rahmen zu setzen und „den Laden“ zu führen. „Digitalisierung“ bedeutet letztlich auch das Abflachen von Hirarchien, die dann auch zeitgleich sehr projektbezogen sein werden und dass die Rollenverteilung auf der menschlichen Ebene immer neu ausgehandelt werden muss. Das ist anstrengend und braucht Kompetenzen, die vorher geübt werden müssen. Ich glaube, dass wir in Zukunft noch projektbezogener arbeiten werden und dann ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler vorher lernen, auf Augenhöhe mit anderen Akteuren zu reden und sich und ihre Themen ins Team einzubringen.
  • „Fluide Identitäten“ ausbilden. Der Begriff hat mich beschäftigt. Es geht hierbei darum, dass Neuseeland als Einwanderungsgesellschaft die unterschiedlichen Herkunftsländer seiner Schülerinnen und Schüler thematisiert, aber diese nie zum Alleinstellungsmerkmal werden lässt. Niemand soll sich aufgrund seiner Herkunft besser oder schlechter fühlen, weshalb es gleichzeitig wichtig ist, den Kindern einen Zugang zu ihren individuellen Stärken zu ermöglichen und diese zu fördern.
  • Die bessere Finanzierung der Schulen. Es würde jetzt an dieser Stelle zu sehr ins Detail gehen, die Finanzierungen zu vergleichen aber die Neuseeländer scheinen es gut hinbekommen zu haben, Schulen gut auszustatten und dabei auch die Schulen gezielt zu berücksichtigen, die sich in „Brennpunktlagen“ befinden. Ich werde das Thema mal mit in die Gremien nehmen.

Ich werde das Büchlein sicher noch einige Male in die Hände nehmen und freue mich drauf. Meine unbedingte (und ungesponsorte) Leseempfehlung.

Link zu Buecher.de hier.

Über MarcoFechner 43 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.