Hurra, hurra, die Schule brennt?

Natürlich ist es zum aktuellen Zeitpunkt noch viel zu früh, um Resumés zu ziehen, was die Folgen der Schulschließungen gewesen sein werden (wenn man die Gedankenspiele im Hinterkopf hat, dass diese noch weit über Ostern hinaus gehen könnten, stehen wir sogar erst am Anfang…) und wer die „Gewinner“ und „Verlierer“ der Situation sind, aber ein paar Dinge kristallisieren sich jetzt schon heraus:

Für Kinder aus bildungsnahen und finanziell abgesicherten Haushalten, die sonst eher mit den Rahmenbedingungen des Schulsystems hadern, kann die neue Situation ein Gewinn sein, da sie beim Lernen mehr Freiheiten und Individualität gewinnen. Auch, wer sich die Möglichkeiten des digitalen Lernens erschließen kann, ist klar im Vorteil.

Wichtig ist es aber, auch zu schauen, wo sich durch die neue Lage Probleme auftun und genau dort wird nach Ende der Schulschließungen (und in vielen Fällen bereits jetzt schon) genauer hinzuschauen sein, da diese Kinder klare Verlierer der neuen Situation sind (Aufzählung unvollständig):

  • Kinder aus Elternhäusern, in denen eher nachlässig oder gar nicht nachgehalten wird, oder werden kann, ob die Kinder die „freie Zeit“ auch mit dem Lernen des aufgegebenen Schulstoffs verbringen.
  • Kinder aus finanziell schwachen Haushalten. Durch die Schulschließungen fällt auch die tägliche Mittagsversorgung weg. Für Eltern mit niedrigen Einkommen entstehen dadurch erhebliche Probleme, die sich nicht zuletzt darin ausdrücken, dass es irgendwann einfach nicht mehr genug zu essen gibt. Dass die „Tafeln“ jetzt Versorgungsengpässe melden und durch die Hamsterkäufe oft nur noch die teuren Produkte vorhanden sind, erschwert die Situation zusätzlich.
  • Kinder aus Haushalten mit häuslicher Gewalt, für die die Schule nicht nur ein Rückzugsraum ist, sondern auch ein Ort, an dem jemand „ein Auge drauf hat“, wenn Kinder mit Blessuren zur Schule kommen…
  • Kinder aus Haushalten, denen die nötige digitale Infrastruktur oder Kompetenz fehlt, um am „digitalen Lernen“ teilzuhaben, also unter Anderem der Möglichkeit, frei verfügbare Lernapps zu nutzen. Diese Kinder sind derzeit in vielen Belangen regelrecht ausgeschlossen.
  • Kinder aus Haushalten mit Eltern in „Systemrelevanten Berufen“. Einfach, weil deren Eltern nicht nur den beruflichen Stress haben, sondern auch noch nach Feierabend oder Schichtende den Unterrichtsstoff mit dem Kind nacharbeiten müssen. Dass dieser Stresspegel für alle Beteiligten ungesund ist und Kinder zu Zeiten, in denen Eltern von der Arbeit kommen auch nicht mehr in der Lage sind, irgendwas aufzunehmen, liegt in der Natur der Sache.
  • Kinder, deren Schulen digital und kommunikativ nicht gut aufgestellt sind. „Homeschooling“ ist eigentlich nur dann halbwegs möglich, wenn auch die Schule kommunikativ gut ist und funktionierende Kanäle hat. Oder kurz gesprochen: wenn die Lehrkraft für Kind und Eltern weiterhin gut und zeitnah erreichbar ist.

Mein Zwischenfazit nach den ersten bald zwei Wochen der Schulschließungen aus eigener Erfahrung und nach vielen Gesprächen mit anderen ElternvertreterInnen, Lehrkräften und VertreterInnen der Bildungsverwaltung auf verschiedensten Ebenen:

  • Die Berliner Bildungsverwaltung war und ist auf ein solches Szenario (flächendeckende Schulschließungen) und die sich hieraus ergebenden Konsequenzen nicht ansatzweise vorbereitet gewesen.
  • Die digitale Ausstattung der Berliner Schulen ist von Schule zu Schule sehr stark schwankend zwischen „Willkommen auf der Höhe der Zeit“ (wenige) und „Bitte kommt aus den 1990ern raus“ (leider sehr viele). Weiterführende Schulen stehen in der Tendenz eher besser da, als Grundschulen, auch, wenn es jeweils Ausreisser nach oben und unten gibt. Die Kommunikation zwischen Schulen und Elternhäusern ist in Qualität und Quantität zwischen den Schulen stark schwankend. Es gibt Schulen, deren Personal auch in der Schließzeit versucht, auch individuell für die Kinder präsent zu sein und es gibt Schulen, die scheinbar mehr oder weniger „abgetaucht“ sind.
  • Es gibt keine digitale Übersetzung der Berliner Rahmenlehrpläne in Form von Apps, auf die die Kinder in Fällen wie dem Derzeitigen zugreifen können, um ihren Schulstoff zu erarbeiten. Der „Berliner Lernraum“, eine Art Moodle der Berliner Bildungsverwaltung hat zu hohe bürokratische Zugangshürden und bisher auch nicht die technische Ausstattung, um den nötigen Ansturm aller an Schule Beteiligten zu bewältigen. Insofern bleibt er derzeit ein Angebot, das de facto nur zu Wenige tatsächlich nutzen können.
  • Es ist gut, derzeit kein Kind zu haben, für das man den Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule organisieren muss, oder das kurz vor seinem Abschluss steht, sondern Eines, das derzeit noch in der Schulanfangsphase steckt, deren Inhalte auch von Eltern relativ gut vermittelt werden können.
  • Ob Kinder derzeit ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können, ist vom Elternhaus, der jeweiligen Schule, oft auch der jeweiligen Lehrkraft und auch von den technischen Ausstattungen von Schule und Elternhaus abhängig. Ein gleichberechtigter Zugang zu Bildung ist derzeit schlicht nicht gewährleistet. Insofern ist es ein richtig gedachter Gedanke, zu überlegen, ob Leistungen der Schließzeit nicht benotet werden sollen, aber wenn die Schulschließungen deutlich über Ostern hinaus gehen sollten und wenn dann die Sommerferien bald anstehen (bereits Ende Juni), wird sich noch vielmehr die Frage aufdrängen, wie die Leistungen des Gesamthalbjahres zu bewerten sind und was das für die Endjahreszeugnisse und die vorzunehmenden Versetzungen in die jeweils nächste Klassenstufe bedeutet.
  • Da man aus meiner Sicht Eltern nicht die Verantwortung überhelfen darf, neuen Schulstoff zu vermitteln (denn dann behandelt man die Kinder wieder ungleich und stellt benachteiligte Kinder schlechter), stellt sich auch die Frage, wann und wie der verpasste Unterrichtsstoff aufgeholt werden kann und soll. Bei den Abschlussklassen stellen sich durch die Prüfungsverschiebungen Fragen bezüglich der Einschreibefristen an den Unis und zu den Bewerbungsfristen für Ausbildungsplätze am Arbeitsmarkt. Es bleibt äußerst spannend.

Vorerst kann es auf ElternvertreterInnenebene aus meiner Sicht erstmal nur darum gehen, die Schulen in der Kommunikation zu unterstützen und die Kommunikation zwischen den Eltern zu stärken. Von der Bildungsverwaltung muss definitiv und bald ein Plan kommen, wie die Eltern entlastet werden können und den Kindern auch jenseits des physischen Raums „Schule“ ein gleichberechtigter Zugang zu Bildung ermöglicht werden kann.

Gründe, weshalb etwas nicht geht, findet die Berliner Politik und Verwaltung meist sehr schnell. Diesmal sind aber Lösungen gefragt.

Über MarcoFechner 40 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.