The kids are alright

Wenn ich mir die aktuellen Diskussionen über „Bildungslücken“, Sommerschulen in den Ferien und die angeheizte Hektik anschaue, mit der über eine „verlorene Generation Corona“ an unseren Schulen gesprochen wird, wundere ich mich mitunter, denn  so neu sind die Probleme gar nicht. Die Pandemie hat sie „nur“ nochmal verstärkt und auch ins Licht der medialen Wahrnhemung katapultiert.

Zum Vergleich mal ein paar Berliner Zahlen aus vorpandemischen Zeiten:

  • 2018 lag die Schulabbrecherquote in Berlin laut Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie bei 9,6%. Das ist deutlich höher, als der Bundesdurchschnitt mit 6,6%. Etwa jedes zehnte Berliner Kind schafft es also nicht, trotz eines Jahrzehnts der Beschulung, einen Abschluss zu erreichen. Oder anders herum: das Berliner Schulwesen schafft es nicht, diese Kinder in einem Jahrzehnt so weit fit zu machen, dass sie wenigstens die Berufsbildungsreife erreichen. Ohne Abschluss findet man widerum nur schwer eine Ausbildung und ohne Ausbildung keinen Job. Dieses Bildungswesen produziert somit Langzeitarbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung in gehörigem Maße.
  • Nach wie vor ist die Bundesrepublik im OECD-Vergleich eines der Länder, in denen der Bildungsabschluss von Schüler:innen am meisten mit dem Bildungsabschluss der Eltern zusammenhängt, die viel gepriesene „Durchlässigkeit des Bildungssystems“ ist also nach wie vor eher eine nicht fertig werdende Baustelle. Dass sich ein zuehmender Anteil von Familien, mittlerweile auch der viel beschworenen Mittelschicht, entscheidet, sich von diesem Bildungssystem abzukapseln und seine Kinder auf Privatschulen zu schicken, ist eine weitere traurige, aber in sich logische Entwicklung.
  • Im „INSM-Bildungsmonitor“ belegte Berlin 2020 Platz 13 von 16.

Und das alles vor Corona.

Es gibt für diese Probleme keine allgemeingültige und vor Allem keine einfache Lösung, aber an ein paar Stellschrauben könnte man meines Erachtens drehen – auf allen Ebenen und auch seitens der Elternvertretungen:

1. Weiterentwicklung der Ganztagsförderung, Vernetzung der Schulen mit den umliegenden Kiezen.

Dass es das Konzept der Ganztagsschule gibt, ist wichtig, die Umsetzung ist aber in vielen Schulen noch nicht so, wie sie sein könnte, oder müsste. Im Idealfall bietet ein Ganztag Angebote für alle Schüler:innen, die den Vormittagsstoff auf andere Art aufgreifen, die zu sozialem Zusammenhalt der Schüler:innenschaften beitragen und die auch diejenigen Eltern entlasten, die ihren Kindern beispielsweise nicht bei den Hausaufgaben helfen können (exemplarisch seien – aus Zeitgründen – Alleinerziehende genannt). Im Mindestfall sollte eine Ganztagsschule Angebote für diejenigen Kinder kostenfrei oder vergünstigt zur Verfügung stellen, deren Eltern es sich nicht leisten können, ihren Kindern private Nachhilfe, den Vereinssport oder Ähnliches zu finanzieren.

Es geht hierbei nicht nur um Bildung, sondern auch um soziale Teilhabe. Der Senat könnte die Schulen in dem Bereich auch ohne eigenes zusätzliches Personal stärken, indem er die Budgets der Schulen im Bereich der Personalkostenbudgetierung erhöht, so dass diese Vereine, welche in ihrem Umkreis liegen, dafür bezahlen könnten, den Kindern ergänzende Angebote zu machen. Nebenbei würde man so die Vereine stärken, die ebenfalls durch Corona sehr gelitten und auch Mitglieder verloren haben und als Begleiteffekt die angedachte „sozialräumliche Öffnung“ der Schulen in ihre umliegenden Kieze fördern. An dieser Stelle können auch Fördervereine und Elternvertretungen organisatorisch unterstützen.

2. Beschleunigung des Schulbaus und der Schulsanierung

Die „Berliner Schulbauoffensive“ muss dringend beschleunigt werden. Bis 2025 sollen rund 6,5 Milliarden Euro in die Sanierung und in den Neubau von Schulen investiert werden. Das ist nicht nur nötig, weil ein erheblicher Teil der Schulen in einem jämmerlichen baulichen Zustand ist, sondern auch, weil es schlicht zu wenige Schulen für die Berliner Kinder gibt. Aber: die Bauplanungen hängen hinterher, ein Realisierung bis 2025 ist derzeit nicht in Sicht.

Tausende Schüler:innen pendeln täglich auf dem Weg zur ihrer Schule quer durch die Stadt, was oft Wege von über einer Stunde sind (einfache Fahrt). Die Arbeitstage der Oberschüler:innen (11-18-Jährige) gleichen also in ihrer Länge oft denen ihrer Eltern. Obendrauf zu den langen Tagen kommen noch Hausaufgaben, das heimische Lernen für Klassenarbeiten etc. und der Umstand, dass durch die Auswahlprozesse der weiterführenden Schulen ausgerechnet lernschwächere Schüler:innen Schwierigkeiten haben, einen Schulplatz in Wohnortnähe zu finden und somit potentiell noch längere Tage haben, als lernstärkere Schüler:innen.

3. Angebote für diejenigen, die keine gleichen Chancen haben und Prioritäten von Elternvertretungen.

Es ist zu beobachten, dass Kinder, deren Eltern finanziell oder anderweitig benachteiligt sind, überproportional zu denen gehören, die auch im Bildungswesen benachteiligt sind. Insofern muss eine der dringlichen Aufgaben der Schulen sein, diesen Kindern barrierefreie Angebote für Bildung und Teilhabe zu machen (und damit meine ich nicht das unterausgestattete „Bildungs- und Teilhabepaket“), sondern Angebote von Schulen für ihre Schüler*innen durch Schulpersonal, oder dafür engagierte Vereine o.Ä.

Es muss darum gehen, dass auch Elternvertretungen sich verstärkt darum bemühen, die Problemlagen benachteiligter Elterngruppen wahrzunehmen und anzugehen.

  • Wie bekommt man Alleinerziehende mit ihrem knappen Zeitbudget in den Elternvertretungen eingebunden?
  • Wie erreicht man Eltern, denen Beteiligung aufgrund von Sprachbarrieren nicht möglich ist?
  • Wie erreicht man Eltern, die zu eingespannt sind, sich in Elternvertretungen einzubringen, weil etwaige Förderbedarfe ihres Kindes zu raumgreifend sind?

Insbesondere diese Eltern bräuchte es in den Elternvertretungen, aber leider sind es aus nachvollziehbaren Gründen eben diese, die dort oft unterrepräsentiert sind.

Gleichzeitig wünsche ich mir (und arbeite daran), dass die Belange von Eltern nicht nur pflichtschuldig durch die Schulen abgefragt, sondern auch tatsächlich berücksichtigt werden. In diesem Bereich ist an vielen Schulen noch Entwicklungspotential vorhanden.

4. Inklusion gehört in die Mitte des schulischen Alltags

Inklusion in all ihren Facetten gehört in die Mitte des Schulischen Alltags und darf nicht „Nebenschauplatz“ bleiben, der den Sonderpädagog:innen und Sozialarbeitenden unter dem Stichwort „Sonderfall“ übergeholfen wird. Es gibt etliche Pädagog:innen, die sich in dem Kontext wirklich bemühen und denen viel mehr Dank gebührt, als sie ihn tatsächlich erhalten, aber diese Pädagog:innen brauchen auch Unterstützung durch ihre Kollegien, durch die Senatsverwaltung und auch durch die Eltern in den Schulgemeinschaften.

5. Mehr Unterstützung für Erzieher*innen an Schulen

Ähnlich verhält es sich mit den Erzieher*innen in den Schulen. Nach wie vor werden Angebote am schulischen Nachmittag als „Hort“, oder auch „Freizeitbereich“ gedacht. Beaufsichtigtes Spielen sozuagen. Das wird weder den komplexen Aufgaben des pädagogischen Personals, noch wird dem Anspruch, der der „Ergänzenden Förderung und Betreuung“ zugedacht ist, gerecht. Die Pädagog*innen im Schulischen Nachmittag verdienen deutlich mehr Unterstützung, Anerkennung und Sichtbarkeit.

6. Lasst die Schulen ihre Arbeit machen!

Die Senatsverwaltung sollte die Schulen, also die Lehrkräfte, die Erziehenden und alle weiteren Mitarbeitenden plus Eltern und Elternvertretungen endlich ihre Jobs machen lassen. Insbesondere in den vergangenen eineinhalb Jahren wurden Schulen und Familien nicht nur gefühlt mit wöchentlich neuen Grundsatzregelungen torpediert, die dann aber auch immer gleich „zu Montag“ umzusetzen waren. Es ist mir ein Rätsel, dass nicht noch sehr viel mehr Familien und  Pädagog*innen durch das permanente Hin und Her „ausgebrannt“ sind. Dass die Schulen in vielen Bereichen nicht innovativer auf die geänderte Situation reagiert haben, war zu einem Teil sicher auch dem Umstand geschuldet, dass sie mit der Umsetzung von Verwaltungsrichtlinien von oben beschäftigt waren, die dann aber auch immer nur eine Halbwertszeit von einer Woche hatten. So kann das nicht weitergehen.

Fazit:

Ich finde es gut, dass es die „Sommerschulen“ als Angebot gibt, zu dem sich Eltern und Kinder selbst entscheiden können, wenn sie das möchten. Ich glaube aber nicht daran, dass ein drei- oder viertägiger Crashkurs Mathematik dazu führt, dass irgendwelche relevanten „Lernlücken“ geschlossen werden. So funktioniert „Bildung“ nicht.

Ich finde auch, dass es gut wäre, das aufzugreifen und mal vorne anzustellen, was die Kinder in diesen eineinhalb Jahren an Positivem gelernt haben, was in der Regelbeschulung nicht möglich gewesen wäre, denn auch das gibt es: Kinder, die mit positiven Erfahrungen aus dieser Zeit rausgegangen sind.

Und ich bin weiterhin sehr dafür, Elternhäuser nicht weiter als potentiell problematische Zone darzustellen, aus der die Kinder unbedingt durch behördlich angeordnete Abwesenheit geschützt werden müssen. Ja, es gibt Elternhäuser, in denen es Kindern nicht gut geht und hier hat der Staat eine Schutzpflicht, die er (schon lange übrigens) nicht ausreichend wahrnimmt, aber diese Debatte über Kindeswohlgefährdung durch die Fernbeschulung ging mir in ihrer Pauschalität etwas arg übers Ziel hinaus.

Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche nach den letzten einheinhalb Jahren vor Allem Zeit mit ihren Freundinnen und Freunden haben sollten. Einerseits zum gemeinsamen Lernen, aber vorrangig vor Allem, um wieder einfach Zeit mit Gleichaltrigen verbringen zu können.

Im Bildungswesen gibt es nach wie vor sehr viel zu tun, aber es stünde uns Erwachsenen gut zu Gesicht, die Kinder jetzt mit noch mehr mit kurzfristig aus dem Boden gestampften „Lern“angeboten zu überfordern und mit einer Rhetorik wie „ihr seid eine verlorene Corona-Generation“ zu verängstigen.

Die Kinder haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die sind gut so, wie sie sind.

Wir Erwachsenen sind jetzt am Zug.

Über MarcoFechner 46 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und Berlins.