Reißt die Schulen auf!

Wie wäre es, wenn man am Eingangstor jeder (x-beliebigen) Schule nicht durch ein „Unbefugten ist das Betreten des Schulgeländes verboten.“-Schild, sondern durch ein „Herzlich willkommen!“-Schild begrüßt würde?

Wie wäre es, stünde in Hausordnungen statt des leider immer noch allzu üblichen „Den Anweisungen des Lehrpersonals ist Folge zu leisten.“ ein „Das Schulpersonal ist bei Fragen gern behilflich“?

In der Bildungspolitik reden wir verklausuliert von „Sozialräumlicher Öffnung“, wenn es darum geht, Schulen zum Begegnungsort im jeweiligen Kiez zu machen, an dem nicht nur Bildung, sondern auch Begegnung auf Augenhöhe und vielleicht auch Vereinsleben und Co. Stattfinden können. An dem alle Akteure der Bildung und eines Kiezes zusammenkommen, um ihre Kompetenzen zusammenzubringen und gemeinsam die bestmögliche Bildung der Kinder zu ermöglichen.

Ich hab mir Gedanken über meine Wunschschule gemacht:

An meiner Wunschschule

  • arbeiten Lehrkräfte, Eltern und Kinder gemeinsam und auf Augenhöhe an der Erstellung bzw. Umsetzung von pädagogischen Konzepten und Rahmenplanvorgaben.
  • können Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler gemeinsam bestimmen, wann sie mit dem Unterricht beginnen und in welchen Intervallen sie unterrichten.
  • entscheiden Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler gemeinsam, welche Schwerpunkte sie an ihrer Schule setzen wollen, welche Medien sie dabei nutzen möchten, wie sie diejenigen fördern möchten, die Schwierigkeiten haben, dem Unterricht zu folgen, oder welche Angebote sie denjenigen machen, die mit den Angeboten vielleicht auch unterfordert sind.
  • entscheiden Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler gemeinsam über die Ausgestaltung des Nachmittagsprogrammes.
  • entscheiden Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler gemeinsam, wie sie ihre Schule weiterentwickeln wollen.
  • entscheiden Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler gemeinsam, ob sie Zensuren vergeben wollen, oder eine alternative Bewertung wählen.
  • Gibt es ein aktives Vereinsleben

und so Vieles mehr.

Die gute Nachricht: All das ist bereits jetzt schon möglich. All diese Optionen bietet das Berliner Schulgesetz bereits an.

Rollenwechsel

Einzig : es braucht engagierte Eltern(vertreterInnen), die sich sachkundig machen, die Zeit investieren und die den Rollenwechsel vom Hausaufgabenhelfer, eMail-Weiterleiter und Herbstfestkuchenbäcker zum schulischen Mitgestalter wagen und es braucht Schulleitungen, die sich nicht als alleinige und oberste Entscheidungsinstanz, sondern als Interessenmoderation verstehen und die ihre Kollegien, die Eltern und auch die Schülerinnen und Schüler relevant und konzeptionell einbinden. Es braucht also einen Rollenwechsel auf allen Seiten.

Mehr Diversität in den Kollegien.

Ich bin überzeugt, dass eine akademische Ausbildung für den LehrerInnenberuf notwendig ist, aber dies bringt auch mit sich, dass die Kollegien allzu oft „soziokolturell homogen“ geprägt sind (da ihre Mitglieder oft selbst auch aus Akademikerhaushalten stammen) wodurch sie für Problemlagen anderer sozialer Millieus oft nicht ausreichend empfänglich sind, oder aber keine adäquaten Antworten finden (können) und auch den Nachteil haben, durch den Ausbildungsweg „Schule – Universität – Schule“ wenig Erfahrung mit der „Berufswelt da draußen“ zu haben. Das ist kein Vorwurf, aber dieser Umstand erfordert die Einbindung derjenigen, die diese Erfahrungen haben, beispielsweise die Eltern und die Schaffung von Ressourcen und Stellen an den Schulen für pädagogische Angebote, die von Nicht-Akademikern durchgeführt werden, die den Regelbetrieb sinnvoll ergänzen.

Wenn wir der Diversität der Schülerinnen und Schüler gerecht werden wollen, brauchen wir auch deutlich mehr Diversität in den Kollegien. Dass Kinder aus Akademikerhaushalten beispielsweise bei den Förderprognosen der Grundschulen im Schnitt besser abschneiden, als Kinder aus Nicht-Akademikerhaushalten, halte ich für eine mittelbare Folge dieser fehlenden sozialen Durchmischung der Kollegien.

Die Kinder fit machen

Wenn wir unsere Kinder fit machen wollen für die Zukunft, funktioniert das nur im Zusammenspiel derer, die das Fachwissen und die didaktischen Kenntnisse haben (Lehrkräfte), denen, die die Kinder und deren Lebenssituation am besten kennen (die Eltern) und den Kindern selbst, die (ohnehin) lernen müssen, sich in einer komplexeren Lebenswelt selbst zu orientieren und zu organisieren. Letzteren darf auch deutlich mehr zugetraut werden, als es „Schule“ heute oft zulässt.

Beteiligung ist Entlastung

Seit Jahren werden Lehrkräfte mit berufsfremden Aufgaben überhäuft, beispielsweise mit der Erstellung von Medienkonzepten, weil die Politik die hierfür notwendigen Stellen nicht schaffen will, oder kann. Hier beispielsweise können Eltern mit beruflicher Vorbildung unterstützen, wenn sie denn eingebunden werden. Seit Jahren werden Lehrkräfte zu „Mädchen für alles“ gemacht (oft auch von Eltern), weil eine allseitig antiquierte Auffassung von „Schule“ dazu führt, dass die Lehrkräfte der alleinige Mittelpunkt des Bildungsgeschehens sind, an dem man dann auch alles abwerfen kann, was vom eigenen subjektiven Standpunkt her nicht passt.

Ein Neustart

Es braucht auf allen Seiten einen neuen Blick auf den Komplex „Schule“, wenn wir ihn zeitgemäß gestalten wollen. Die rechtlichen Möglichkeiten haben wir. Die tatsächlichen Bedingungen müssen in den einzelnen Schulen geschaffen werden. Das wird nicht immer leicht sein und ich wünschte selbst, ich hätte ein Patentrezept, aber ich glaube, dass diese Diskussionen in den Schulen sich lohnen können. Eine andere Wahl haben wir auch gar nicht, wie ich glaube und nicht wenige Schulen sind bereits dahin unterwegs. Mehr Tempo in der Breite wäre aber super.

Schraubt die Schilder an den Schultoren ab und schreibt „Willkommen!“ darüber!

Über MarcoFechner 48 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.