„Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird…“

Derzeit laufen die Ausschreibungen für die Essensversorgung an Berliner Schulen ab August diesen Jahres und mal wieder  kocht die Volksseele und sind einige Halbwahrheiten und das eine oder andere Vorurteil im Umlauf.

In den Elternvertretungen haben wir das Thema zuletzt ziemlich aktiv mitbegleitet (kürzlich erst im Landeselternausschuss in der Diskussion mit der Senatsverwaltung und auf der Schulebene haben wir kürzlich unseren Caterer zum Probekochen in die Elternvertretung eingeladen) und ich ziehe für mich persönlich ein eher positives Fazit, wenn es um das Essen selbst geht, aber ein gemischtes Fazit, wenn es um ein paar „Neben“aspekte geht.

Positiv anzumerken sind unter Anderem in aller Kürze:

  • Der Bio-Pflichtanteil wird auf 50% erhöht, was zu hochwertigeren Mahlzeiten führt.
  • Es ist vermehrt auf faire Handelsbedingungen der Lebensmittel zu achten.
  • Es sind vermehrt saisonale Lebensmittel anzubieten. Auf Regionalität ist zu achten.
  • Es sind weiterhin Obst, Gemüse oder Salat zusätzlich zum Menü anzubieten.
  • Die Zahl der süßen Hauptgerichte (z.Bsp. Grießbrei) ist auf 2 mal in 20 Verpflegungstagen (also etwa 2 mal pro Monat) zu beschränken.
  • Die Menge der frittierten Lebensmittel bleibt limitiert.
  • Bei der Ausgabe von fleischhaltigen Menüs ist immer auch eine vegetarische Alternative anzubieten, sofern nicht ohnehin 2 Menüs zur Auswahl geboten werden.
  • Auf Allergien ist einzelfallbezogen Rücksicht zu nehmen.
  • Der Anteil von Fertigprodukten (z.Bsp. Brühpulver) ist niedrig zu halten und es gibt Anreize, auf diese gänzlich zu verzichten.
  • Die Caterer werden nicht nach ihrem Angebotspreis ausgewählt, da die Preise für die Mittagsversorgung festgeschrieben sind. Somit ist die Ausschreibung eher ein Qualitätswettbewerb.
  • Für die Caterer ist der Vergabemindestlohn des Landes Berlin verpflichtend, d.h., sie dürfen ihre Kalkulationen nicht auf dem Rücken ihrer Beschäftigten austragen. Ein Aspekt, den ich sehr wichtig finde.
  • Die Caterer werden angehalten, so zu kalkulieren, dass alle Kinder versorgt, aber möglichst wenig Mahlzeiten weggeschmissen werden.
  • Grundlage für die Zusammenstellung der Mahlzeiten sind die Richtlinien der „Deutschen Gesellschaft für Ernährung“. So soll sichergestellt werden, dass Kinder alle Nährstoffe erhalten, die sie brauchen, also gesund und ausgewogen ernährt werden.
  • Fleisch wird maximal zwei Mal pro Woche angeboten. Ich halte diesen Punkt nicht nur klimapolitisch für sinnvoll, sondern auch für plausibel, wenn Kinder die Nährstoffe, die sie brauchen, auch über die anderen Mahlzeiten erhalten können.
  • Die Caterer müssen künftig Bio-zertifiziert sein.

Die vollständige Leistungsbeschreibung zur Ausschreibung mit dem gesamten Anforderungskatalog ist auf den Seiten des Landeselternausschusses zu finden –> Downloadlink.

  • Das Schulessen ist für alle Erst- bis Sechstklässler kostenlos. Insbesondere diesen Schritt halte ich mit Blick auf Elterhäuser, in denen die Brotdose der Kinder nicht allzu viel Aufmerksamkeit der Eltern bekommt, für äußerst sinnvoll.
  • Die Liefer- und Lagerzeiten für das Mittagessen zwischen der Herstellung und der Ausreichung bleiben für die Caterer anspruchsvoll.
  • Der neue Abrechnungsmodus ab August diesen Jahres soll den Verwaltungsaufwand, der den Schulen in der Zusammenarbeit und Abrechnung mit den Caterern entsteht, verringern.
  • Die Elternvertretungen der Schulen sind auch weiterhin bei der Auswahl der Caterer zu beteiligen.

Mit dem Essen bin ich im Rahmen dessen, was im Kantinenbetrieb möglich ist, grundsätzlich zufrieden, allerdings stören mich ein paar Nebenaspekte:

  • Durch die schnelle Einführung des kostenlosen Schulessens ist die Zahl der NutzerInnen erheblich gestiegen. Das ist gut, allerdings fehlen sehr vielen Schulen schlicht die räumlichen Kapazitäten. Die Folge ist, dass Kinder „in Schichten“ essen gehen und deshalb oft zu wenig Zeit für die Essenseinnahme haben. Gesund kann das nicht sein. Die Schulbauoffensive geht derzeit zu langsam voran, um hier in absehbarer Zeit eine spürbare Verbesserung in Form größerer Räumlichkeiten zu erreichen.
  • Durch die gestiegene Nachfrage der Grundschulen und den damit verbundenen erhöhten Personalbedarf haben einige Caterer ihre Verträge mit Oberschulen kündigen müssen.

Insbesondere an den letzten Punkten müssen wir als Elternvertretungen, aber vor Allem die Bezirksämter und die Senatsbildungsverwaltung dringend dranbleiben.

Die 34-Seitige Leistungsbeschreibung zur Ausschreibung plus 10-seitiger Anlage.
Die Leistungsbeschreibung zur Ausschreibung plus Anlage.

Und jetzt bitte alle wieder runter von den Bäumen!

Das Schulmittagessen ist ein hoch emotionales Thema. Den Einen ist es nicht abwechslungsreich genug, den Anderen nicht kindgerecht genug angerichtet, wieder Andere kritisieren den Schwerpunkt auf Fleisch-freiem und Bio-Essen und und und.

Letztlich denke ich aber persönlich, dass wir im Rahmen dessen, was in einem nicht-stationären Kantinenbetrieb (da die Schulen selten über eigene Küchen verfügen, sondern liefern lassen) möglich ist, ganz gut dran sind.

Jede Schule sollte einen Mittagsessenausschuss haben, in dem auch ElternvertreterInnen sitzen und in dem ggf. nachgesteuert werden kann, wenn kleinere Unzulänglichkeiten auffallen. Ansonsten gibt es einen relativ umfangreichen Katalog an möglichen Vertragsstrafen bis hin zur Kündigung des Caterervertrags.

Die Möglichkeit, den Essensversorger einzuladen, besteht jederzeit (haben wir kürzlich erst im Rahmen der Gesamtelternvertretung getan und uns bekochen lassen; Es gab eine bunte Zusammenstellung verschiedener Gerichte).

Hinzu kommt der Aspekt, dass das abwechslungsreiche Kochen für Kinder ja schon zu Hause eine Kunst für sich ist (jeder, der Kinder hat, kennt das Gefühl beim mehr oder weniger gemeinsamen Entscheiden über das wochenendliche Mittagessen…).

Insofern darf man mit den Caterern etwas wohlwollender sein (ich habe die 44 Seiten der Leistungsbeschreibung/des Anforderungskatalogs gelesen und bin froh, kein Schulcaterer zu sein…) und wenn sich das Kind entscheidet, „heute ohne Soße und Erbsen“ zu essen, ist die ganze Debatte über die Ausgewogenheit der Beilagen ohnehin hinfällig.

Natürlich kann man beklagen, dass geliefertes Essen nicht aussieht, wie frisch aus dem Topf, aber wie soll das auch möglich sein? Eine Abhilfe könnte das Kochen vor Ort sein, aber dafür ist weder das nötige Personal am Arbeitsmarkt, geschweige denn in den Schulen vorhanden, noch gibt es in den meisten Schulen die dafür notwendigen Räumlichkeiten und Flächen. Die Leistungsbeschreibung will hier Abhilfe durch kurze Lieferzeiten schaffen. Da grundsätzliche Abhilfe in Form von Räumlichkeiten zeitnah praktisch gesehen nicht möglich ist und die Priorität vorerst bei der Versorgung aller Kinder mit Schulplätzen und Klassenräumen liegen muss, bleibt erstmal keine Alternative dazu, mit dem, was bereits vorhanden ist, bestmöglich zu agieren.

Mir persönlich ist wichtig, dass das, was meinen Kindern in der Schule als Mittagessen angeboten wird, gesund und ausgewogen ist und das ist in aller Regel der Fall. Die Bedienung „persönlicher Vorlieben“ kann man dann ja immer noch in Eigenregie via Brotdose und in gewissem Umfang mit der Gesamtelternvertretung in Abstimmung mit dem jeweiligen Caterer vornehmen.

Viel rdrängender finde ich wie bereits beschrieben das Raum- und Zeitproblem in Folge der zu langsam vorangehenden Schulbauoffensive und den Umstand, dass einige Oberschulen nun ohne Caterer dastehen. Hier gilt es als Elternvertretung, vor Allem aber für Bezirksämter und Senatsverwaltung, dran zu bleiben.

Mein Fazit: es wird viel und heiß diskutiert, aber letztlich ist es in der Schulverwaltung wie auf dem sprichwörtlichen Teller:

Nichts wird so heiss serviert, wie es gekocht wird.

Aber wir behalten das Thema auf dem Schirm.

Über MarcoFechner 44 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.