Auf in die Ferien / Ein Rückblick

Rückblick auf ein erstes Jahr als Elternvertreter.

Als unsere Große vor fast genau einem Jahr eingeschult wurde, war mir klar, dass ich mich in der Elternvertretung einbringen will, um nicht nur beobachtend am Rand zu stehen und ich kann sagen, dass das ein interessantes, lehrreiches, häufig ernüchterndes, oft positiv stimmendes, aber auch forderndes erstes Jahr war, das mit ein paar Erkentnissen endete, die ich ohne die aus der Elternvertretung resultierenden Ehrenämter in der Form nicht gehabt hätte, die meine Sicht auf „Schule“ verändert haben, die wohl Einfluss auf die kommenden Jahre haben werden und die ich deshalb mit euch teilen möchte.

Die ersten Wochen

…waren sowohl für unsere Tochter, als auch für uns als gesamte Familie eine ziemliche Umstellung: neue Tagesabläufe, neue Themen, die erste Klassenlehrerin und die neue Hort-Erzieherin statt der bisherigen Kita-Erzieherin, neue Freunde, der erste Stundenplan, Hausaufgaben und und und. Unsere Tochter musste sich in die neuen Abläufe einfinden und wir als Eltern waren insbesondere zu Beginn (und auch weiterhin) gefordert, sie dabei zu begleiten und rauszufinden, wie sie den Schulstoff aufnimmt, ob sie dabei gut vorankommt und sie zu bestärken, wenn sie selbst unzufrieden war und mitunter auch (in meinem Fall) die eigene Ungeduld zurückzustellen. Es ist als Elternteil echt schwer, rauszufinden, ob das Leselerntempo der Tochter gerade gut ist, oder es zu langsam geht (Spoil: alles wurde gut), wenn das eigene Lesen-Lernen fast 30 Jahre zurück liegt. Glücklicherweise hatten und haben wir eine Klassenlehrerin und eine Erzieherin, die sowohl unsere Tochter, als auch die anderen Kinder in der Klasse gut „an die Hand genommen“ und durch das erste Jahr gebracht haben und die auch uns Eltern als gute und vor allem gelassene, weil erfahrene „Beraterinnen“ zur Seite standen.

Wahlmarathon

Das Elternvertretungssystem in Berlin besteht im wesentlichen aus 3 Ebenen: der Vertretung der Eltern der Klasse in der Schule und gegenüber der Klassenlehrerin, der Vertretung der Schulen im Bezirk und der Vertretung der Bezirke gegenüber dem Land Berlin. Ich stellte mich am ersten Elternabend (ein grässliches Wort) zur Wahl und wurde im Nachgang nicht nur zu (einem von zwei) Elternsprechern unserer Klasse, sondern später auch von den nachfolgenden Gremien einer von 2 gewählten Vertretern unserer Schule beim Bezirk (Bezirkselternausschuss) bzw. einer der Vertreter des Bezirks Pankow gegenüber dem Land Berlin (Landeselternausschuss). Vor mir lag eine steile Lernkurve mit dutzenden Abendsitzungen, Stunden des Lesens des Berliner Schulgesetzes, vielen eMails, der Vor- und Nachbereitung von Terminen etc., aber darum soll es eigentlich gar nicht gehen.

Warum eigentlich?

(Wieder einmal) monierte der Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz kürzlich, dass die Kompetenzen der AbiturientInnen zu Studienbeginn oft nicht ausreichend sind, um ohne größere Probleme ins Studium einzusteigen und die Klagen vieler Handwerksbetriebe über Qualität der Ausbildungsbewerber mit mittleren Schulabschlüssen klingen oft nicht sehr anders. Zeitgleich nehmen die Überlastungssymptome bei Kindern und Jugendlichen seit Jahren dramatisch zu, die Zahl der in psychologischer Behandlung befindlichen Kinder und Jugendlichen ebenfalls. Was ist da los? Schülerinnen und Schüler haben Arbeitstage wie Erwachsene, die LehrerInnen „brennen“ aus und am Ende nimmt die Qualität der Abschlüsse nichtmal zu, sondern sogar ab und auch der fachliche Nutzen des Ganzen steht immer mehr in Frage. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umbrüche sind im Moment derart umfassend, dass es schon schwer fällt, Prognosen für die Zeit in zwei bis drei Jahren zu treffen. Allein die Frage, welche Berufe es zum Zeitpunkt X noch geben wird und damit die Frage nach den geforderten Kompetenzen überfordert selbst viele Experten und auch die Frage, welche Rahmenbedingungen unser Planet vorgeben wird, wenn unsere Kinder die Schule beenden, kann derzeit keiner beantworten. Ziemlich sicher ist nur: es wird sehr anders sein, aber ich will jetzt auch gar nicht fatalistisch klingen. In jedem Fall werden es unsere Kinder und nnicht wir sein, die dann die notwendigen Entscheidungen zu treffen haben und darauf müssen wir sie vorbereiten.

Was sind die Herausforderungen?

Ich glaube mit den Erfahrungen des letzten Jahres im Rücken, dass wir (und damit meine ich uns als Eltern, die Schulen und auch die Politik gleichermaßen) aufpassen müssen, dass wir uns nicht gegenseitig kaputt spielen und die Kinder am Ende die Leid tragenden sind. Ein gutes Bildungssystem ist wichtig, aber was bringt es, wenn wir unsere Kinder mit Wissen und Zeitplänen derart vollstopfen, dass sie am Ende ihrer Schulkarriere erstmal eine Auszeit oder eine Therapie brauchen, oder das Gefühl haben, ihre Jugend nachholen zu müssen, weil sie die letzten Jahre nur noch am Schreibtisch verbracht haben? Lebenslanges Lernen ist wichtig und notwendig, aber warum tun wir dann so, als müsste das alles in 12 oder 13 Jahren vermittelt werden?

Was von dem, das wir unseren Kindern heute in den Schulen vermitteln, wird in 20 Jahren so noch Bestand haben? Eine meiner Lieblingsweissagungen meiner Mathelehrer aus meiner Schulzeit: „Später werdet ihr auch nicht immer einen Taschenrechner dabei haben.“ Stimmt, mein Smartphone kann noch sehr viel mehr.

Ich bin kein Lehrer und will mir da auch kein abschließendes Urteil anmaßen, aber mein Eindruck ist, dass wir viel zu Wert auf Stoffvermittlung und zu wenig Wert auf Kompetenzvermittlung legen, auch, wenn sich auch in dem Bereich schon einiges getan hat. Ich glaube, dass es in der Zukunft (und auch heute schon) viel mehr darauf ankommen wird, sich selbst Wissen anzueignen, sich mit anderen selbstständig zu vernetzen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, es braucht sehr viel mehr Medienkompetenz (und damit meine ich nicht die Bedienung von Smartphones und Tablets…) und die Kompetenz, gesellschaftliche, politische, technologische und wirtschaftliche Entwicklungen einzuordnen und zu verknüpfen, anstatt auswendig Gelerntes runterzubeten. Und es wird darum gehen müssen, sich selbst auf eine für das soziale Umfeld verträgliche Art und Weise einen Platz „im Geschehen“ zu verschaffen.

Kurzum: wir brauchen SchülerInnen, die neugierig sind, die in der Lage sind, fächerübergreifend zu denken und die sozial kompetent sind. Die Herausforderungen sind vielfältig und die meisten von denen werden sich erst nach der Schulzeit stellen und Lösungen erfordern, über die wir heute noch gar nicht nachdenken… Wir brauchen Erwachsene, die in der Lage sind, beispielsweise mit künstlicher Intelligenz in der Form umzugehen, dass sie wissen, wie diese funktioniert und wie man sie ethisch einsetzt und wir brauchen Menschen, die das geblieben sind, was Maschinen und Algorithmen nicht sein können: Menschen. Menschen, die sich insbesondere mit den Bedürfnissen anderer Menschen zu befassen haben, sei es in der Ausbildung, in der Pflege etc. Das bedeutet andererseits auch, dass wir aufhören sollten, so zu tun, als könnte man Kinder darauf trimmen, wettbewerbsfähig gegenüber Maschinen zu sein. Wir werden sehr viel mehr interkulturelle Kompetenzen brauchen und da können Schulen schon heute zusammen mit den Elternhäusern wichtige Weichen stellen. Die Frage ist nur, ob SchülerInnen und Schulen die hierfür notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen und da bin ich vorsichtig gesagt sehr skeptisch.

Eindrücke aus einem Schuljahr

Ein paar Eindrücke in Stichpunkten:

  • Unsere Lehrkräfte sind wesentlich besser, als ihr Ruf.
  • Die Schulgebäude oft nicht.
  • Der/die einzelne SchülerIn wird heute wesentlich individueller wahrgenommen, als dies z.Bsp. in meiner eigenen Schulzeit der Fall war, was mich schon während der Kindergartenzeit unserer Tochter sehr positiv überrascht hat.
  • Schulen sind schon um einiges autonomer in vielen Entscheidungen, als noch vor Jahren, aber es braucht eine weitere Dezentralisierung von Entscheidungskompetenzen und vor Allem auch der Budgets. Die einzelne Schule kennt ihre Schüler und deren Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Regel besser, als die Senatsverwaltung.
  • Ausnahmslos alle Verantwortungsträger (Politiker, Bezirksamts- und Senatsmitarbeiter etc.) wirken ernsthaft bestrebt, die anstehenden Aufgaben „auf die Reihe“ zu bekommen.
  • Die Berliner Verwaltung scheitert jedoch meist vor Allem an ihren Strukturen.
  • Es ist Gold wert, dass viele Berliner Schulen private Fördervereine haben.
  • Auch in ehrenamtlichen Gremien gibt es Vertreter, die Freitags um 22:35 noch mal „das sagen wollten, was der Vorredner bereits sagte, nur mit anderen Worten.“

Was kann ein Elternvertreter tun?

Direkt erstmal gar nichts. Weder hat man Weisungskompetenzen, noch sind Gremienbeschlüsse bindend. Was man allerdings tun kann, ist Themen zu setzen, Aufmerksamkeit für Probleme zu schaffen, „Basis“eindrücke zu vermitteln, Akteure zusammenzubringen, Wünsche zu äußern und hin und wieder auch via Gremienbeschluss gesellschaftlichen Debatten einen Schub zu geben, wie wir es als Landeselternausschuss mit einem Beschluss zu den #Fridaysforfuture getan haben, welcher auch in den Medien reichlich Beachtung gefunden und seine Wirkung nicht verfehlt hat. Andere Beschlüsse gab es zum insbsondere seinerzeit hochaktuellen Thema „Mobbing an Schulen“, zum Zuschnitt von Schuleinzugsgebieten, zur gleichmäßigen Verteilung der quer eingestiegenen Lehrkräfte und zuletzt unter Anderem zu den Wegezeiten von Berliner Oberschülern. (Alle Beschlüsse des Landeselternausschusses hier). Permanentes Thema war in sämtlichen Gremien und bei fast allen Terminen die „Berliner Schulbauoffensive“

In den kommenden Jahren sollen 5,5 Milliarden Euro in Schulgebäude investiert werden, was wichtig ist, aber viel zu langsam voran geht. Die Verwaltungsebenen schieben die diesbezügliche Verantwortung mehr oder weniger hin und her und die politischen Ebenen scheinen da oft ebenso machtlos, oder nicht in der Lage, einen Handlungsauftrag durchzusetzen. Die Folge ist ein erheblicher Zeitverlust, viele strapazierte Nerven und noch mehr zusätzlich geschaffene „Steuerungsgruppen“. Das typische Berliner Behörden-PingPong eben. Wie gesagt: es liegt selten an den beteiligten Personen selbst, sondern vielmehr an der unzeitgemäßen Aufteilung der Kompetenzen zwischen Senat und Bezirken. Eine Stukturreform selbst ist nicht in Sicht. Der absurde Effekt ist schlussendlich, dass diejenigen, die am längsten in Politik und Verwaltung aktiv sind, am besten erklären können, weshalb etwas nicht geht.

Und nun?

Weitermachen. Ich bin sicher, dass wir den Druck, der in den Schulen vorhanden ist, dort rausbekommen müssen. Es gibt viel zu wenige Lehrer, in der Folge zu wenige Schulplätze insbesondere an den Oberschulen und damit verbunden die Situation, dass sich in einigen Bezirken inoffizielle „Eliteschulen“ ausbilden, an denen sich die besten Schüler eines jeweiligen Jahrgangs sammeln und auf der anderen Seite Schulen, die „alle anderen“ zugewiesen bekommen. Das führt widerum dazu, dass schon Grundschüler sich Sorgen machen müssen, keinen Platz auf einer guten weiterführenden Schule zu bekommen, oder durch ganz Berlin fahren zu müssen (Pankow beschult seit Jahren berlinweit, was nicht selten über eine Stunde Fahrzeit je Strecke nach sich zieht und oft diejenigen trifft, die es ohnehin schon schwerer haben, als andere, die mit guten Noten in Wohnortnähe landen). Gleichzeitig lastet der Druck auf den Eltern, die sich genau die gleichen Sorgen machen und auf den Lehrern, die sich gegenüber Eltern und immer häufiger auch Anwälten rechtfertigen müssen, warum ein Zehnjähriger keine 1, sondern „nur“ eine 2 in der zurück liegenden Deutscharbeit bekommen hat.

Der Druck muss raus

Dieser Druck gehört nicht in die Schulen. Man kann aus Kindern keine sozial kompetenten Menschen machen, wenn man ihnen schon im Grundschulalter zu verstehen gibt, dass sie vom Bildungssystem „aussortiert“ werden, wenn sie keine Einsen schreiben und dass sie im permanenten Konkurrenzkampf mit ihrem Sitznachbarn um die beste Zukunftsperspektive stehen, obwohl alles darauf hindeutet, dass es künftig eben nicht um Konkurrenzen geht, sondern zunehmend darum, vernetzt zu arbeiten. So schafft man auch kein Lernumfeld, in dem Kinder neugierig und offen lernen und die Welt kennenlernen und neue Gedanken entwickeln können und so spielt man das Lehrpersonal und die Eltern kaputt. Die Leid tragenden sind schlussendlich die Kinder.

Der Druck muss aus den Schulen raus und in die Politik. Selbst, wenn in den kommenden Jahren massiv gebaut wird, werden die Personalprobleme allein durch die Verrentung der Babyboomergeneration der LehrerInnen stark zunehmen. Es kann auch keine Lösung sein, jeden einzustellen, der schon mal „irgendwas mit Menschen“ gemacht hat und nicht bei Drei auf dem Baum ist. Sicher mag es auch gutes Personal unter den Quereinsteigern geben, aber die beste Qualifikation für den Lehrerberuf ist nunmal nach wie vor ein Lehramtsstudium inklusive einer pädagogischen Ausbildung und das sollte der Maßstab sein. Die Berliner Landespolitik muss hier dringend Lösungen finden.

Wie geht’s weiter?

Ich selbst werde mich im kommenden Jahr wieder zu Wahlen stellen (die Amtszeiten enden mit dem Schuljahresende) und – so gewollt – insbesondere auch direkt an unserer Schule stärker aktiv werden. Der Druck muss – und das sieht man an anderen Schulen ähnlich – von unten kommen und da wird es viele Gespräche zu führen geben. Das klingt jetzt so dramatisch, weil es genau so gemeint ist: allein Pankow hat in diesem Schuljahr rund 3.000 Oberschulplätze in Klasse 7 zu wenig und die Zahlen werden noch drastisch zunehmen, wenn man sich die in den vergangenen Jahren immer weiter angewachsenen Schülerzahlen in den Grundschulen anschaut. In den meisten anderen Bezirken steigen die Schülerzahlen ebenfalls, so dass ein Ausgleich zwischen den Bezirken immer schwerer wird.

Der Druck muss „nach oben“. Schnellstmöglich.

Aber erstmal schöne Ferien allerseits und vielen Dank für die Zusammenarbeit in den vergangenen Monaten insbesondere an „Kollegen“ und Vorstand der Elternvertretung unserer Schule, an die Mitglieder und den Vorstand des Bezirkselternausschusses und die Mitglieder und den Vorstand des Landeselternausschusses.

Ich gehe jetzt eine stolze Bald-Zweitklässlerin mitsamt Zeugnis von der Schule abholen. 🙂

Post Author: MarcoFechner