(K)eine Antwort

Am Anfang der Woche schrieb ich als Reaktion auf die Entscheidung des Berliner Senats, die Schulen wieder zu öffnen, einen offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister, sowie die Bildungssenatorin und sandte mehrere (unveröffentlichte) Schreiben mit Anfragen zum Infektionsschutz unter Anderem an das bezirkliche Gesundheitsamt und das bezirkliche Jugendamt (Letzteres mit der Bitte um Prüfung etwaiger Kindswohlgefährdungen).

Antworten von der Senatsverwaltung erhielt ich (wie fast schon erwartet) nicht, dafür aber viele Zuschriften von Eltern, sowie von ElternvertreterInnen anderer Schulen, die sich ebenfalls mit ihren Sorgen an den Senat gewandt haben, sowie Antworten vom Gesundheitsamt und vom Jugendamt.

Die Antworten in Kürze: das Jugendamt betrachtet sich in dieser Frage als nicht zuständig, da diese Entscheidung von der Senatsverwaltung zu verantworten ist und die entsprechende Gefährdungsbeurteilung ebenfalls dort stattgefunden haben muss.

Das Gesundheitsamt teilte mir mit, dass die Entscheidung zur Schulöffnung der aktuellen Verordnung entspricht (und insofern rechtmäßig ist), was in so eine Antwort der Form halber auch reingehört, allerdings wurde ich, bzw. wir als Schule „eindringlich“ (!) gebeten, sicherzustellen, dass ausreichend gelüftet und die Kohorten eingehalten werden.

Dieser Satz sagt einerseits nichts Neues, andererseits stellt er aus meiner Sicht mehr oder weniger „zwischen den Zeilen“ dar, dass allein mit der Verordnung eben noch nicht alles in Butter ist.

Das ungute Gefühl bleibt und ist nun sogar amtlich bestätigt. Was tun? Meine verschiedenen Rollen ringen mal wieder mit sich.

Der Vater in mir macht sich Sorgen um seine Kinder, der Gesamtelternvertreter fragt sich, was er tun kann und wie er seinen Teil dazu beiträgt, dass die Schulgemeinschaft gut durch diese Zeit kommt, das Mitglied im Landeselternausschuss ringt mit sich und möchte mal wieder einer Bildungssenatorin die Hölle heiss machen, die zu allem Chaos auch noch eine Pressekonferenz gegeben hat, für die der Tagesspiegel mit „unzureichend vorbereitet“ eine sehr treffende Beschreibung gefunden hat und die auch die seit Monaten miserable Kommunikation der Senatsverwaltung auf traurige Weise sehr gut veranschaulicht hat.

Kurzum: es gab in dieser Woche keinen Abend, an dem ich mich nicht mit Elternvertretungsarbeit beschäftigt habe und zwei Sitzungstermine kamen auch noch dazu: einerseits die Vorstandssitzung des Bezirkselternausschusses und dann die Gesamtkonferenz der Pädagog*innen unserer Schule, in der wir sehr ausführlich über den Schulstart sprachen. Angesichts des Umstands, dass das ein Ehrenamt ist und die Schule noch nichtmal „richtig“ angefangen hat, ist das ein bemerkenswerter, aber erwarteter Vorgeschmack auf das kommende Schuljahr.

Was also tun? Wir haben in der Schule Möglichkeiten zum Infektionsschutz hin- und herüberlegt und gedreht und gewendet, wir haben die Antwort des Gesundheitsamts einbezogen und wir haben eine, wie ich denke und hoffe, bestmögliche Lösung gefunden und ermöglicht, die auf viel Lüften und bestmögliche Kohortentrennung hinausläuft. Und beschlossen, auf der Ebene der Schule eine zwischen allen beteiligten und verantwortlichen Gremien und Akteuren möglichst abgestimmte Linie und Kommunikation in die Schulgemeinschaft zu führen, wenn schon die Senatsverwaltung dazu nicht in der Lage ist, denn es ist offensichtlich:

die notwendigen Maßnahmen sind unschön und müssen nicht nur getroffen, sondern auch kommuniziert und immer wieder beworben werden. Das bedeutet in der Folge, auch bei diesem Thema ansprechbar für Eltern, Kinder und Lehrkräfte bei Sorgen, Problemen und Anmerkungen zu sein. Und noch etwas ist seit Ewigkeiten zu spüren, aber in den vergangenen Monaten besonders:

all die Grundsatzentscheidungen, die die Senatsverwaltung nicht oder unvollständig getroffen hat, führen mal mehr, mal weniger zu Grundsatzdebatten in den Schulen, auf die dort aber nur sehr kleinteilige, zeitintensive und mühselige Antworten zu finden sind und die die Zeit rauben, in denen man sich um all die eigentlich anstehenden Themen kümmern könnte und müsste. Es nervt, Frau Scheeres. Machen Sie Ihren Job, damit wir unseren machen können! Oder stellen Sie ihn jemand Anderes zur Verfügung.

Da waren sie wieder, die verschiedenen Rollen:

Der Gesamtelternvertreter vermittelt, dass allseitig alles versucht wird, um die Schulgemeinschaft zu schützen und dennoch einen normalstmöglichen Schulalltag zu garantieren und dass wir nach der Entscheidung der Senatsverwaltung (und auch vorher schon) fleißig waren, ohne weder in allzu große Besorgnis, aber auch nicht in billige Durchhalteparolen zu verfallen.

„Der Vater“ liest Samstagabend, dass in Mecklenburg-Vorpommern in dieser ersten Schulwoche bereits zwei Schulen wegen Covid-19-Fällen geschlossen wurden und dass die Zahl der Neuinfektionen im Bundesgebiet am dritten Tag in Folge bei über 1.000 pro Tag lag.

Es bleibt ein sehr mulmiges Gefühl. Und das Wissen, dass auch der Sommer irgendwann endet und es kälter wird und dass „Lüften“ auf Durchzug dann keine Option mehr ist. Hat das bei den Verantwortlichen jemand auf dem Schirm?

Über MarcoFechner 48 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.