Ich will mehr

Lorenz Maroldt vom „Tagesspiegel“ schrieb kürzlich zur aktuellen Enteignungsdebatte einen Artikel, in dem insbesondere ein Absatz mein aktuelles Berlin-Gefühl sehr gut trifft:

„Die Lage auf dem Wohnungsmarkt verändert den Charakter und die Stimmung der Stadt. Hedonistische Zuversicht weicht vielfach diffuser und zunehmend konkreter Angst; Weltoffenheit wandelt sich in Sehnsucht nach Abschottung und Ruhe; die Lust auf Fortschritt erlahmt und macht einem strukturellen Konservatismus Platz.“

Ich bin mit der Stimmung der 2000er-Jahre erwachsen geworden und ich muss aufpassen, dass ich nicht allzu unreflektiert ins Schwärmen bzw. Nachtrauern gerate, aber es war wunderbar und ich konnte mir von meinem schmalen Einstiegsgehalt von knapp 1000 Euro ohne ewiges Suchen, ohne überteuerte Miete, ohne, dass ich mich und meine zwanzig engsten Verwandten beim Vermieter finanziell „nackig“ machen musste, eine fantastische Singlewohnung mieten: zwei Zimmer, Balkon, 55qm für 407€ warm incl. einer Küche, die so geräumig war, dass ich sogar noch eine kleine Couch in selbige stellen konnte. In Pankow. Für heutige Verhältnisse ein absurd günstiges Angebot.

Es gab vor dem Clubsterben der 2010er noch Clubs wie das „Knaack“, das „Magnet“ und zahlreiche andere, im Prenzlauer Berg bekam man nicht nur 20 Kaffeesorten, sondern sogar noch Bier nach 20 Uhr und die Frage nach dem ersten Bier war meist eher „heute Abend zu „Mutabor“ oder zu „Flogging Molly““ statt eines besorgten „Wo kommst Du ab ersten Juni unter?“.

Berlin ist verzagt geworden und unentspannt. Die vielgelobten, aber oft unterbezahlten Kreativen verlieren ihre Lebens- und Arbeitsräume, Berlin fängt an, sich miserabel selbst zu imitieren und sich aufzuführen, wie ein Disneyland für Pauschaltouristen und „Szeneschnösel auf verzweifelter Suche nach der Szene“ (Peter Fox). Wenn Wohnen zum Statussymbol bzw. zur Überlebensfrage wird, hat keiner mehr Zeit, mit der Familie Unsinn anzustellen, zum Bands gründen, zum doof in der Sonne rumliegen, dazu, den Tag einfach einen Tag sein zu lassen, einfach mal ein Buch zu lesen, sich weiterzubilden, oder nach dem Nachbarn zu sehen. Und darum sollte es doch eigentlich gehen, oder!?

Die Kieze entmischen sich immer mehr. Das war auch schon seinerzeit so, aber zunehmend wird das heftiger und geht immer schneller vonstatten. Finde mal im Prenzlauer Berg Leute über 60, oder in Berlin-Mitte Leute, die „normalen“ Jobs mit normalen Einkommen nachgehen und deren Wohnung nicht die Zweitwohnung neben der in München, Stuttgart oder Paris ist! Finde mal junge Leute, die einen Kinderwunsch haben und sich keine Sorgen über ihre Wohnsituation oder ihre Jobs machen!

Glück gehabt

Ich liebe es, dass unsere Kinder in unserem Haus lernen können, dass es Menschen gibt, die älter sind, als ihre Großeltern und ich merke, dass unsere älteren Nachbarn es genauso mögen, dass Kinder um sie herum sind. Wir haben das seltene Glück, in einer Genossenschaft zu wohnen, die Dank Gemeinnützigkeit moderate Mieten erhebt, nicht „raussaniert“ und die auch nicht einfach aufgekauft werden kann. Ein Luxus. Der einzige Nachteil ist, dass unsere anfänglich für 2 Personen geplante Wohnung für heute 4 Personen an allen Ecken und Enden zu klein ist und deren teilweise selbstgezimmerte Inneneinrichtung mit ihren Zwischenböden, versteckten Schubläden und Hängeregalen stellenweise an ein Tiny-House erinnert, aber im Vergleich ist das noch eine relativ komfortable Gesamtsituation.

Viele meiner Freunde und Bekannten haben dieses Glück nicht. Da sind die, die seit Jahren von einer Schrott-WG in die Nächste ziehen, da sind die, die jeden Monat schauen, wo sie die überteuerte Miete zusammenkratzen können, nachdem die vierte Mieterhöhung ins Haus kam, da gibt es die, die trotz gemeinsamem Kind getrennt wohnen, weil sie keine gemeinsame und vor allem bezahlbare Wohnung für drei Personen finden und und und. An den Stadtrand oder gar in den „Speckgürtel“ nach Brandenburg zu ziehen, kommt einen oft sogar noch teurer, als eine Wohnnung in Berlin bei zudem noch längeren Arbeitswegen. Es ist absurd.

Früher ging’s in Berlin um Panzer und Raketen
Heute lebe ich im Osten zwischen Blümchentapeten
Kümmer‘ mich nicht allzu sehr um Taler und Moneten
Baue hier und da ’n Track, aber dafür ’n Konkreten“.

Seeed, „Dickes B.“, 2001

Da ist was verloren gegangen. Berlin wurde schon in den 2000ern ineffizient verwaltet (dass „regiert“ wird, erwartet man ja schon fast gar nicht mehr), aber irgendwie kamen die Meisten ohne größere Probleme über die Runden und hatten deshalb Zeit, sich über andere Dinge Gedanken zu machen: über die Liebe, über Musik, den eigenen Job, über sich selbst, über Zeit mit Freunden und und und. Zusammen mit dieser fantastischen Stadt und ihren vielen unterschiedlichen und liebenswerten Menschen ergab das genau die Mischung, die Berlin zu Recht so beliebt gemacht hat.

Es wäre albern, die eigene Jugend verklärt zu betrauern, dafür bin ich noch 20 Jahre zu jung, aber ich will wieder mehr.

Das tägliche „in den Ring steigen“

Ich bin es leid, Grundlegendem hinterherzurennen, wie Kitaplätzen, funktionierenden S-Bahnen, Terminen bei Ämtern und so vielem mehr. Das ist Lebenszeit, das ist vor Allem Stress und das ist Zeit, die – verbracht mit Familie und Freunden – mehr geben würde: das Gefühl, dass „Leben“ mehr ist als „heute was erledigen“ und vor Allem das Vertrauen, dass es nicht schlimm ist, wenn man heute mal nicht in den Ring steigt.

Berlin kommt mir zunehmend wie ein Kampfgebiet vor: Um Wohnraum, um Kitaplätze, um Schulplätze, um Räume, in denen Kinder spielen und groß werden können und und und. Stellenweise fühle ich mich in einem „Land in Abwicklung“:

Die älteren Generationen leben oft (zu Recht) von ihrem Wohlstand, den sie sich erarbeitet haben, aber es wird zu wenig in die Zukunft investiert. Schulgebäude sind zu klein bzw. zu voll, es gibt viel zu wenig Lehrer, die nächste Verrentungswelle steht schon an, Kitaplätze fehlen unübertrieben zu tausenden, es wird zu wenig Wohnraum geschaffen und bei dem, der vorhanden ist, explodieren die Quadratmeterpreise. „Digitalisierung“ ist das, was die anderen machen, während wir seit 20 Jahren schon an schnellen Internetanschlüssen für alle scheitern, es gibt zu wenige Hebammen, Pfleger und Ärzte, der bitter notwendige Klimaschutz fällt hinten runter, weil die zahlenmäßig größte Wählergruppe bzw. ein nicht unerheblicher Teil von dieser um ihre Menschenrechte auf Grillwurst und Verbrennungsmotoren fürchtet. Obendrein haben wir jetzt auch noch eine Partei im Bundestag, die das „Recht des Stärkeren“ quasi zum Programm gemacht hat – inklusive des entsprechenden Millieus außerhalb des Bundestages.

Da motivieren auch keine weiteren 10 Euro Kindergeld pro Kind und Monat ab 01. Juli zu weiteren Kindern.

Demokratie muss liefern.

Ich bin ein großer Verfechter von Demokratie, Rechtsstaat, Mitbestimmung, Gewaltenteilung und und und. Ich stoße Diskussionen an, erkläre, wenn möglich, ich engagiere mich ehrenamtlich und verbinde mich mit anderen Leuten. Aber: das ist alles nichtig und bleibt für Menschen, die man davon überzeugen möchte, sich selbst zu engagieren, auf dem Erregungslevel eines Leistungskurses „politische Weltkunde“, wenn die letztlich verantwortliche und gewählte Politik nicht mitzieht und vor Allem liefert.

Ich engagiere mich gern in den Elternausschüssen auf Schul- Bezirks- und Landesebene, aber das ist unterm Strich wirkungslos, wenn sich nichts daran ändert, dass Lehrer fehlen, wenn die Sanierung von Schulgebäuden zu lange dauert, wenn die Schulausstattung mangelhaft bleibt etc. Das Gleiche kann man auf den Wohnungsbau, die Jugend- und Nachbarschaftsarbeit etc. übertragen.

Ich will keine „Lösungen“. Ich will Kitaplätze, Schulplätze, Wohnungen. FachärztInnen, LehrerInnen und ErzieherInnen und Hebammen.Ich will Klima- und Mieterschutz. Meine Großeltern am Stadtrand brauchen einen fußläufig erreichbaren Supermarkt. Das sind alles ganz konkrete Problemstellungen.

In ein paar Wochen haben wir die wichtigste Europawahl seit Langem, wir haben die Auseinandersetzungen auf den Straßen in Form von Demonstrationen, die Debatten in den Parlamenten und in den sozialen Netzwerken etc. und doch bleibt bei jeder Debatte um diese Themen das schale Bewusstsein, dass man niemandem, der zweifelt, was von Menschenrechten, Menschenwürde, sozialem Rechtsstaat und der Notwendigkeit von eigenem Engagement erzählen braucht, wenn dieser permanent um Job und Wohnung kämpft.

Ich weiss nicht, wie man all diese Probleme löst, dafür gibt es gewählte Politiker mit Fachleuten in den Verwaltungen und mit Beratern. Ich weiss nur, dass die vermeintlichen „Alternativen“ die Situation noch schlimmer machen würden.

Es gibt zahllose Menschen in Berlin, die sich täglich für diese Stadt und für ihre Mitmenschen engagieren und die der Politik „die Hand reichen“, wie man so schön sagt. Ich wünsche mir, dass als Reaktion mehr kommt, als warme Worte und Beschwörungen der bekannten Berliner Nichtzuständigkeiten. Das Gleiche wünsche ich mir vom Bund.

Wünsche

Ich wünsche mir, dass investiert wird. Kein vernünftiger Unternehmer würde seinen Laden kaputtsparen, um sich dann zu wundern, dass dieser keine Ergebnisse mehr produziert, oder sein Kerngeschäft an andere Unternehmer übertragen. Warum macht Politik genau das? Ich bin nicht naiv, was die Möglichkeiten und Aufgaben von Politik betrifft, sondern glaube vor allem an eigenes Engagement, aber ich bin mir auch sicher, dass es bestimmte Aufgaben gibt, die Politik nicht delegieren darf und die sie effizient angehen muss. Dazu gehören unter Anderem die Wohnraumversorgung, die Armutsbekämpfung, eine gute Ausbildung in den Schulen und grundlegende und wirksame Weichenstellungen im Bereich des Klimaschutzes.

Und ich wünsche ich mir Zuversicht. Ich wünsche mir, dass wir mal so tun, als gäbe es uns im Jahr 2030 noch und dass wir so handeln, dass es uns dann gut gehen kann. Meine Tochter wird 2030 volljährig. Ich möchte, dass ihr Leben dann erst richtig losgeht.

Ich wünsche mir weniger Schwarzmalerei und mehr „Ärmel hoch“-Mentalität. Wie wäre es, wenn es am Ende doch nocht gut ginge?

Und ich wünsche mir etwas, das etwas altmodisch klingt: Solidarität. Berlin war schon immer rauh, aber immer auch auf seine Art herzlich. Letzteres ist etwas abhanden gekommen.