„Hummeln heiraten nie“ und das Bildungssystem der Zukunft.

Im Schreiblernheft unserer Großen finden sich neben diesem Satz auch so wunderbare Satzschöpfungen wie „In mir ist der Müll“, „Mit mir riecht man“ und „Der Pluto ist ein Planet“ und ich finde, das illustriert einen wesentlichen Teil der Probleme unseres Bildungssystems ganz gut, denn unabhängig davon, dass der letzte Satz inhaltlich falsch ist, (weil Pluto seit 2006 offiziell nicht mehr als Planet gilt), frage ich mich, ob diese Art der Beschulung auch einen tieferen Sinn hat.

„Die Bildung kommt nicht vom Lesen, 
sondern vom Nachdenken über das Gelesene.“ 

(Carl Hilty)

Ein Bekannter, der in einem Schulbuchverlag arbeitet, erklärte mir, dass diese Satzkonstruktionen dem Umstand geschuldet sind, dass bestimmte Buchstabenverbindungen wie „PL“ geübt werden sollen (Die Aufgabe besteht darin, den Satz zu lesen und im Anschluss in der Zeile darunter handschriftlich nachzuschreiben).

Klar kann man Kinder nach dieser Methode beschulen, aber dann muss man sich wohl auch nicht wundern, wenn Kinder keine Freude am Lernen, oder gar einen tieferen Sinn darin finden. Wenn ich mir anschaue, wofür sich unsere Tochter begeistert und begeistern lässt, dann sind es Geschichten über Heldinnen, Feen, Elfen, Zaubertiere, kleine Hexen und deren Abenteuer und und und. Sie ist ein wissbegieriger kleiner Mensch, der wie die meisten Kinder in ihrem Alter Lust hat, die Welt und sich zu entdecken, Neues auszuprobieren, zu experimentieren, sich unter Spielzeugbergen zu vergraben, in Selbigen in eigenen kleinen Welten abzutauchen und auf Bäume zu klettern, um die Welt von oben zu betrachten. Ein kleiner Mensch, der selbst liest und nicht nur möchte, dass man ihr vorm Schlafengehen was vorliest, sondern dieses im Zweifel unter Protest einfordert.

Warum holt unser Bildungssystem die Kinder nicht genau dort ab, sondern bewirft sie stattdessen mit sinnlosen Sätzen wie „In mir ist der Müll“ oder Albernheiten wie „Hummeln heiraten nie“? Ist es didaktische Uninspiriertheit, oder die Sorge, Kinder mit brauchbaren Sätzen, die über sich selbst hinausgehen, zu überfordern?

Dieses konkrete Beispiel kann man auch auf höhere Jahrgänge und andere Fächer anwenden. Wie kann es sein, dass unsere Rahmenpläne Kinder nicht neugierig machen und Orientierungshilfen bei der Suche nach Antwort mitgeben, sondern viele von ihnen lediglich mit Informationen so lange vollstopfen, bis sie ausgebrannt entweder aufgeben, oder aber irgendwann resignieren, mit „Bulimielernen“ anfangen und nach dem Schulabschluss feststellen, dass sie zwar viel Wissen in sich reingestopft haben, um es bei Bedarf wieder aufzuschreiben und dann zu vergessen, aber nicht gebildet wurden?

„Ich habe sieben Jahre lang Französisch gelernt
und das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist,
dass ich sieben Jahre lang Französisch gelernt habe."

(Twitter.com/RainerSchund)

Ich stelle mir die Schule der Zukunft als einen Ort vor, an dem Kinder neugierig gemacht werden. Ein Ort, an dem sie nicht nur lesen lernen, sondern mit diesen Texten auch neugierig gemacht werden auf die Welt da draußen und für deren freiwillige Erschließung sie dann widerum einen Sinn darin finden, sich mit Mathematik, Physik, Biologie etc. zu befassen.

Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, mangelte es ebenfalls hieran: alle Schülerinnen und Schüler einer Altersgruppe wurden und werden zum gleichen Zeitpunkt mit dem gleichen Wissen vollgestopft und diejenigen, die inhaltlich keinen Anschluss ans jeweilige Thema fanden, oder einfach nur etwas länger brauchten, als die Zeit bis zur Klausur, hatten Pech.

Ebenso ist es scheinbar unmöglich, sich fächerübergreifend grundsätzlich so zu koordinieren, dass Kinder und Jugendliche sich einen Themenkomplex fächerübergreifend aus verschiedenen Richtungen erschließen (als ein aktuelles Beispiel könnte man den Klimawandel aus physikalischer, politischer und biologischer Perspektive betrachten; Was das an Erkentnisgewinn brächte…).

Als anderes Beispiel könnte man zeitgeschichtliche Ereignisse nicht nur in Geschichte, sondern parallel dazu in Deutsch (zeitgeschichtliche Lyrik etc.) und im Kunstunterricht bearbeiten. Dadurch könnte man fast schon als „Beifang“ einen Grundstock an soziologischem Wissen begründen.

Ich stelle mir die Schule der Zukunft nicht als Ansammlung geschlossener Klassenräume, sondern als riesige Bibliothek mit Separés vor, in denen Kinder und Jugendliche sich ihren Zugang zum jeweiligen Thema des Rahmenplans selbst erarbeiten können, um dieses dann in Gruppen und zusammen mit der Lehrkraft zu „entschlüsseln“. Die Schule der Zukunft ist für mich eine Schule, in der auch Schülerinnen und Schüler gut für die Zukunft ausgebildet werden, die die Schule ohne Abitur verlassen werden. Die Schule der Zukunft ist für mich kein Ort des Frontalunterrichts, sondern einer, an dem Kinder und Jugendliche lernen, sich selbst Wissen zu erarbeiten und in Gruppen selbst zu organisieren.

Ein Ort, an dem ihnen erlaubt wird, neugierig zu sein und auch mal „links und rechts“ eines Themas zu recherchieren. Ein Ort, an dem ihnen erlaubt wird, nicht nur bereits Gedachtes zu reproduzieren, sondern selbst Gedanken zu formulieren, also einer, an dem sie wirklich gebildet werden. Ein Ort, an dem sie auf eine globale, vernetzte Zukunft vorbereitet werden, in der es darum geht, Fächer, Themen und Disziplinen nicht isoliert zu betrachten, sondern als miteinander wechselwirkend.

Ich möchte weg von „Ich muss noch Hausaufgaben machen“ hin zu „Das hat mich interessiert, da will ich noch was drüber lesen vorm Schlafen gehen“. Wer sagt denn, dass Schule langweilig und piefig sein muss?

Das ist das Gegenteil von „Hummeln heiraten nie“ oder „In mir ist der Müll“. Und genau deshalb sehe ich als Vater und auch in meinen Ehrenämtern die Aufgabe, für eine bessere, als diese Art der „Beschulung“ zu arbeiten.

Es gibt viele unterschiedliche Sichtweisen auf die Frage, was ein gutes Bildungssystem ausmacht, aber das, das wir jetzt haben, versagt bereits seit Langem derart eklatant (in Berlin hat im vergangenen Schuljahr mehr als jeder achte Zehntklässler einer integrierten Sekundarschule seine Schule ohne Abschluss verlassen!), dass sich zumindest die Frage, OB grundsätzlich neue Ansätze notwendig sind, nicht mehr stellt.

Bessere Beispiele gibt es. Man kann beispielsweise nach Neuseeland schauen, oder vielleicht sogar mal wieder die Bildungsideale der von Humboldts ausgraben, die „Bildung“ nicht als reinen Informationstransfer begriffen, sondern als Mittel, um sich die Welt zu erschließen, sich in dieser zurechtzufinden und sich als Teil selbiger zu begreifen.

Zeit wird’s.

Über MarcoFechner 44 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.