Hört den Kindern zu! – Eine Antwort auf Paul Ziemiak

Sehr geehrter Paul Ziemiak,

mit (vorsichtig formuliert) „Erstaunen“ habe ich im „Focus“ Ihre Statements zur Bildungspolitik, zu „Schulschwänzern“, zu „Sozialleistungskürzungen“ und Sekundärtugenden, die bewertet werden sollen gelesen (Link hier) und möchte Ihnen gern dararauf antworten, da ich Ihre Aussagen nicht nur in der Sache für falsch halte, sondern diese auch ein sehr fragwürdiges Framing beinhalten und auch gesetzgeberisch nicht haltbar wären.

Sie dürfen davon ausgehen, dass ich mich mit diesen Themen im Rahmen schulischer Ehrenämter auf Berliner Schul- Bezirks- und Landesebene nicht erst seit gestern befasse. Ich komme drauf zurück, aber erstmal von vorn…


„Im Nachrichtenmagazin FOCUS sprach sich der CDU-Generalsekretär für finanzielle Einbußen aus. Danach sollen Eltern von Grundschülern, die dem Unterricht unentschuldigt fernbleiben, weniger Sozialleistungen erhalten. „Wenn Kinder in der Schule fehlen, muss der Staat sofort eingreifen“, sagte Ziemiak dem FOCUS. Beim Schuleschwänzen müsse es „Null Toleranz“ geben.“

Dieser Satz impliziert, dass die sogenannte „Schuldistanz“, „Schulabsentismus“ oder „Schulverweigerung“ (so nennen Leute das Thema, die sich mit der Materie befasst haben) ausschließlich ein Problem von Sozialleistungsempfängern wäre. Nicht nur, dass das ein empörenswertes Framing und Nach-unten-treten ist, ist es auch in der Sache falsch und wird dem Problem in seiner Breite nicht gerecht.

Mit diesem für eine billige Politpointe eindeutig zu ernsten Thema befassen sich (seit Jahren übrigens) viele qualifizierte Leuten, die Ihnen sagen könnten dass die von Ihnen angeschlagene Tonart unterm Strich rein gar nichts bringen würde. Reden Sie mal mit diesen Leuten. Es lohnt sich. Die Kontaktdaten der Kultusministerien haben Sie ja.

Vielleicht finden Sie dort auch die Eine oder Andere Anregung für Ihre Arbeit im Bundestag. Weiterhin sollte Ihnen als Mitglied des Bundestags die Möglichkeit offen stehen, herauszufinden, ob man Schuldistanz mit der Kürzung von Sozialleistungen, beispielsweise nach dem SGBII ahnden darf (Spoiler: nein). Und womit würden Sie eigentlich die Eltern derer ahnden, die keine Sozialleistungen erhalten?

Weiterhin fordern Sie „Null Toleranz“ und dass „der Staat sofort eingreifen“ müsse. Ich weiss jetzt nicht, wann Sie das letzte Mal mit MitarbeiterInnen von Jugendämtern, mit Lehrkräften und/oder SozialarbeiterInnen über dieses Thema gesprochen haben, aber diese hätten Ihnen ziemlich anschaulich erklären können, dass dafür die Kapazitäten nicht vorhanden sind, weil Länder und Kommunen seit Jahren kaputt gespart werden und deshalb das nötige Personal fehlt und die notwendige Infrastruktur selbst oft nicht zuverlässig ist. Falls Sie Interesse haben: wir haben uns kürzlich erst im Landeselternausschuss Berlin mit dem Thema befasst, eine Sachstandsanalyse betrieben und einen Forderungskatalog aufgestellt und verabschiedet (Hier nachzulesen).

Weiter werden Sie zitiert mit: „Unser Ziel muss es sein, aus jedem Kind, das in Deutschland lebt, die Elite von morgen zu machen“, sagte Ziemiak. Der CDU-Politiker verlangte außerdem mehr Respekt für Lehrer und fordert bundesweit die Einführung von Kopfnoten für Schüler. Die Lehrer sollen demnach künftig im Zeugnis auch „Ordnung, Fleiß und Respekt der Schüler“ bewerten, sagte Ziemiak.

Über den Elitenbegriff ließe sich sicherlich vortrefflich streiten, zumal mich auch der Bezug interessieren würde, denn „Elite“ bezieht sich ja immer auf den Vergleich zu einer anderen Gruppe, aber das wäre jetzt ein eigenes Thema, aber:

Sie werden „Eliten“ nicht bekommen, indem Sie vor Allem mit harter Hand strafen, sobald jemand nicht ins System passt. Das Ziel muss sein, Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zur Entwicklung zu geben und die fehlen in unserem Schulsystem strukturell. Unter Anderem, weil wir an einem Frontalunterrichtskonzept festhalten, das jedem Bildungsforscher die Nackenhaare aufstellt. Reden Sie mal mit BildungsforscherInnen!

Werter Paul Ziemiak,

wir sind uns einig, dass „Respekt“ ein wichtiger Baustein in der Erziehung eines Kindes ist, jedoch ist es kontraproduktiv, darauf Kopfnoten zu vegeben, weil Sie dadurch blinde Folgsamkeit belohnen und im Umkehrschluss Widerspruch bestrafen.

Das ist ein Konzept des neunzehnten Jahrhunderts und untergräbt auch so wunderbare Ziele wie die Heranziehung zur Integrität, die Förderung von Kreativität und das Herausbilden eigenständigen Denkens und damit auch die Fähigkeit, ein politisch eigenständig denkender Mensch zu werden. Das Ziel von Erziehung sollte sein, dass ein Kind sich als späterer Erwachsener in der Welt zurechtfinden kann und seinen selbstbestimmten Platz finden kann und nicht, dass es sich so benimmt, dass seine ehemalige (subjektiv bewertende, weil allzu menschliche) Lehrkraft damit zufrieden wäre.

Rein aus väterlicher Sicht: wenn Sie Kinder (auch im Bildungssystem) heranziehen wollen, die sozial kompetent, zuverlässig, sowie lern- und kritikfähig sind, dann müssen Sie diesen auch so entgegentreten. Auffällige Kinder haben Gründe für ihr Verhalten, die es zu erkennen und zu beheben gilt. Das funktioniert aber nicht, indem Sie deren Eltern bestrafen, die (oft) ein Teil des eigentlichen Problems sind, das zur Auffälligkeit geführt hat. In vielen Fällen würden Sie das Problem mit den von Ihnen beschriebenen Sanktionen sogar noch verschlimmern.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen was ans Herz legen:

Reden Sie mal mit Leuten, die sich auskennen, bevor Sie Ihre Unkenntnis in ein ziemlich elitäres Framing verpacken, was im Übrigen ziemlich respektlos ist, um in Ihrem Duktus zu bleiben. Andererseits lassen Ihre Aussagen den Fleiß vermissen, sich mit diesem ernsten Thema wirklich zu befassen, bevor Sie drüber reden. Ich weiss nicht, wie alt Ihre Kinder sind, aber vielleicht gehen diese schon zur Schule. Fragen Sie mal deren Klassenlehrerin oder -Lehrer, wie er/sie das Problem sieht und wo Lösungswege sein könnten und auch, welche sozialen Schichten von Schuldistanz betroffen sind (Sie werden staunen). Möglicherweise könnte das sehr vielen Menschen helfen…

Viel Erfolg bei der Recherche,

Marco Fechner