#Fridaysforfuture aus väterlicher Sicht. Ein offener Brief an Paul Ziemiak.

Sehr geehrter Paul Ziemiak,

wir haben etwas gemeinsam: wir sind beide Mitte 30, verheiratet und Väter kleiner Kinder, womit auch meine Perspektive auf das Thema erklärt wäre. Mit einiger Empörung (und ich schien nicht der einzige gewesen zu sein) habe ich Ihren Tweet an, bzw. (Sie haben sie ja nicht direkt adressiert) über Greta Thunberg zur Kenntnis genommen. Wörtlich:

Dieser Tweet ist jetzt etwa eine Woche alt. Das ist für Twitter und die politische Landschaft eine Ewigkeit, ich weiss, aber ich habe etwas Zeit benötigt, um mir einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Den vergangenen Freitagvormittag habe ich mir frei genommen und bin zur #Fridaysforfuture-Demo hier in Berlin gegangen.

Meine Eindrücke: viele junge Leute, die sich berechtigte Sorgen machen, die aber auch alles andere als (wie so oft auch von Ihrer Partei dargestellt) „irrational“ oder „hysterisch“ waren. Das sind junge Leute, die am Ende ihrer Schulzeit stehen und sich freuen, „ins Leben“ zu starten. Junge Menschen mit Wünschen, Zielen, Ideen und Hoffnungen und denen man nur das Allerbeste wünschen möchte. Ich nehme an, Sie kennen diese Lebensphase auch. Gute Musik hatten die SchülerInnen auch dabei und natürlich ihre Sorge, dass eine zu lethargische Umweltpolitik ihnen das alles gehörig vermasselt.

Worum geht es mir? Darum, dass Ihre „Replik“ insbesondere in Ihrer Funktion als Generalsekretär der Partei, die die Kanzlerin stellt, mehr als unangemessen war und ich mir einen anderen Umgang mit Aktivisten und Ehrenamtlichen wünsche.

Selbstverständlich darf man Aktivistinnen kritisieren, aber Applaus dafür einzusammeln, dass man 16-Jährigen vorwirft, dass sie den Horizont und die Attitüde von 16-Jährigen haben und dass ihre Forderungen nicht mit der sprachlichen Ausgewogenheit, der juristischen Sauberkeit und der inhaltlichen Tiefe von ministeriellen Verordnungen mithalten können, sagt dann doch vermutlich mehr über Sie, als über Ihre Adressatin.

Es ist mehr als bitter, dass die Partei, die u.A. die Herren Dobrindt, Scheuer, Spahn, Guttenberg und wie sie nicht alle hießen, zu Ministern gemacht hat, von einer 16-Jährigen mehr Inhalt und „Ideologie“freiheit einfordert. Auch, weil Klimaschutz keine „Ideologie“, sondern eine dringende Notwendigkeit ist. Der Klimawandel ist kein Planspiel, sondern bittere Realität. Ich denke auch nicht, dass es der Job von Aktivistinnen ist, politische Forderungen inhaltlich und rechtskonform auszuformulieren und umzusetzen. Das ist der von Parlamentariern wie Ihnen; dafür wurden Sie gewählt.

Was denken Sie, wie es auf 16-Jährige, die Angst um ihre Zukunft haben wirkt, wenn man ihnen sagt, dass Kohleverstromung „schon in 20 Jahren“ endet und man sie obendrein verspottet…?

Ich habe einen Wunsch und der richtet sich nicht nur an Sie:

Wenn Sie es besser wissen, dann erklären Sie es besser!

Nicht nur, weil Sie als Bundestagsabgeordneter dafür bezahlt werden und die Möglichkeiten haben, das Thema professionell und mit eigenem Personal anzugehen. Gehen Sie ins direkte Gespräch mit diesen Leuten. Nehmen Sie sie ernst – nicht erst 2020, weil diese 2021 selbst WählerInnen sind. Diese Leute haben berechtigte Anliegen, die ich übrigens teile – insbesondere mit Blick auf meine Kinder. Warum bindet man die deutschen Vertreter dieser weltweiten Bewegung nicht in den „Beirat zur gemeinsamen Jugendstrategie“ ein?

Ich weiss nicht, wie die Union sich vorstellt, wie diese Gesellschaft durch die aktuellen Krisen kommt. Ich persönlich vertraue und hoffe auf die vielen ehrenamtlich Aktiven und dazu gehören für mich auch diejenigen, die Missstände konstruktiv in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Diese Menschen braucht es. Und diese Menschen haben eine Vertretung verdient, die sie ernst nimmt, sie unterstützt und fördert und nicht verspottet (haben Sie sich zwischenzeitlich mal bei Greta Thunberg entschuldigt?).

Aus väterlicher Sicht: wollen wir Jugendliche, die sich für die Welt um sich herum interessieren und ihre Interessen öffentlich erklären, oder wollen wir desinteressierte Abnicker in einer Zeit, in der der demografische Wandel die jungen Generationen ohnehin bei Wahlen abhängt? Wie sehen eigentlich in Ihrer Vorstellung die politischen Allianzen für die kommenden Jahre aus, wenn es um die Interessen der jüngeren Generationen geht?

Vielleicht braucht es manchmal die Hilfestellung Erwachsener, wenn 16-jährige an den gegebenen Horizont 16-Jähriger stoßen, aber was spricht dagegen, selbst diese Hilfestellung zu sein? Ihre Partei spricht doch so gern davon, Verantwortung übernehmen zu wollen und das Anliegen ist mehr als berechtigt, da stimmen Sie mir doch zu, oder?

Was denken Sie als 33-Jähriger darüber, wie sich die natürliche und politische Landschaft gerade verändert und wie sich das auf unsere Kinder auswirkt, die damit werden leben müssen? Und wir heute Mittedreißigjährigen wohl auch noch eine ganze Weile.

Ich habe einen Wunsch an Sie und alle weiteren politisch Verantwortlichen: legen Sie einen stärkeren Fokus auf die unzähligen Ehrenamtlichen und Aktiven in diesem Land – nicht nur in Sonntagsreden und nicht nur bei diesem Thema. Binden Sie diese ein und führen Sie sie noch stärker zusammen. Sie sind in einer Position, in der Sie die Möglichkeiten dazu haben.

Wenn es die Möglichkeit gibt, durch die aktuellen Krisen zu kommen, dann dadurch, dass die Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit von der Politik mehr eingebunden wird. Dafür  braucht es diejenigen, die sich nicht in Lethargie und Zynismus ergeben haben, sondern gestalten wollen und die Ideen und Träume und auch die Energie haben, die Zukunft zu einer Guten zu machen. Solche, wie (unter Anderem) die AktivistInnen von #Fridaysforfuture.

Bitte reichen Sie diesen Leuten die Hand!

Beste Grüße,

Marco Fechner

 

Noch eines: wäre es nicht wunderbar, wäre unser Engagement im Klima- und Umweltschutz nicht davon abhängig, was Forscher, Lungenfachärzte oder wer auch immer sagen, sondern eine grundsätzliche Haltung?

Was, wenn wir auch ohne widerstreitende Gutachten, mit denen man prima Nebenschausplätze eröffnen kann, dafür sorgen würden, dass wir kein CO² mehr in die Luft und kein Plastik mehr in unsere Gewässer oder andere Länder entsorgen würden? Wenn wir unseren Kindern „einfach so“ eine intakte Umwelt übergeben würden?

Ich denke, hier ist der Gesetzgeber gefragt. Sowohl bei der Frage der Umverpackungen, als auch bei der Frage des Kohleausstiegs.

2038 ist zu spät.

Post Author: MarcoFechner