Drüber reden.

Mit jeder Woche und jeder Entscheidung zum Umgang mit Kindern, Jugendlichen und Familien in dieser Pandemie fühle ich mich erschöpfter. Es ist wie ein Gefangensein zwischen Zorn und Resignation. Zwischen „Jetzt nochmal laut werden“ und „Was soll es noch bringen!?“

Ich sehe Bilder von Schüler:innen, die im Essenraum ihrer Schule sitzen. In Gruppen. Ohne Maske. Der rationale Marco denkt sich „Inzidenz 2000, verdammte Hacke, wie kann das sein?“. Als Vater sage ich mir, dass das ein Bild ist, vor dem ich keine Angst bekommen will und sollte. Kinder essen zusammen und es geht ihnen augenscheinlich gut. Und die Pandemie geht auch wieder vorbei und es wird ein „Danach“ geben.

Ich lese die wöchentlichen Informationen zu Infektionszahlen in der Schule des großen Kindes und bekomme die Information über (neuerliche) Gruppenschließungen in der Kita des jüngeren Kindes und mir macht das Angst. Wir reden mit unseren Kindern regelmäßig in einem jeweils altersentsprechenden Rahmen über die Situation. Sie wollen dennoch ihre Freunde sehen, was allzu verständlich ist. Und wer will schon das einzige Kind der Klasse oder Kindergartengruppe sein, das zu Hause bleibt!? Also lässt man die Kinder gehen und versucht, seine Sorgen nicht allzu sehr zu zeigen.

Der Jüngere wird neuerdings am Eingang zur Kita abgegeben und abgeholt, weil wir Eltern nicht mehr rein dürfen und die Große bekommt FFP2-Kindermasken. Ich weiss, dass diese nicht zertifiziert sind, aber es beruhigt das allseitige Gefühl, wärend der rationale Teil mich innerlich schüttelt und ruft „Inzidenz 2000!“. Der mitfühlende Vater in mir möchte schreien ob der Rahmenbedingungen, mit denen wir Kinder derzeit in Schulen und Kitas schicken und die Umstände, die wir den Kindern zumuten. Der Nachrichtengucker in mir versteht das und bekommt die Wut vom Vater in mir ab.

Eltern-Sein ist ziemlich zerreissend in diesen Zeiten.

Der Bundesgesundheitsminister und der Chefvirologe der Charité warnen davor, dass Kinder und Jugendliche nicht hinreichend geschützt werden und sich massenhaft infizieren. „Omikron ersetzt keine Impfung“ ist so ein Satz. Parallel dazu schleifen Amtsärzte in Berlin binnen weniger Tage die Quarantäneregelungen für Schüler:innen; mutmaßlich, ohne sich vorher mit der Bildungsverwaltung abzustimmen, wie deren Staatssekretär via Twitter in einer Debatte wie nebensächlich verkündet.

Die Regierende Bürgermeisterin erklärt, Kinder seien wichtig, aber wichtig sei es auch, dass Eltern arbeiten gehen könnten. Also werden die Quarantäneregelungen dann doch geschliffen. Die Kultusministerkonferenz fordert Eltern von 5-11-Jährigen auf, ihre Kinder impfen zu lassen, während die ständige Impfkommission für diese Altersgruppe nur eine beschränkte Empfehlung rausgegeben hat und die Kultusminister:innen selbst nicht müde werden, zu betonen, Covid-19 sei für Kinder nur „mild“ und Schulen seien „sicher“.

Kultusminister:innen wundern sich dann widerum, weshalb Eltern sich auf diese Zusagen verlassen und ihre Kinder, die in einem angeblich „sicheren“ Umfeld maximal eine „milde“ Erkrankung zu befürchten haben, kaum mit einem nur beschränkt empfohlenen Impfstoff impfen lassen.

Derweil gehen die Inzidenzen in den Schulen durch die Decke, eine mittlere dreistellige Zahl an Lerngruppen in Berlin musste allein in der letzten Woche nach hause geschickt werden und es fehlt auch immer mehr Personal erkrankungsbedingt, so dass massenhaft Unterricht ausfällt, oder vertreten werden muss.

Die Politik empfiehlt freiwillige Quarantäne, weil ja die Quarantäneregeln geschliffen wurden und die Ämter diese nicht mehr für Kontaktpersonen verhängen. Man verlegt sich auf „Eigenverantwortung“ der Bürger:innen. Dass die Arbeitgeber dieser Bürger:innen üblicherweise Quarantänebescheide vorgelegt haben wollen, wird bei der Empfehlung entweder nicht bedacht, oder aber diese Empfehlung ist bloße Politiksimulation, um sagen zu können, man habe was getan, ohne seine Prioritäten ändern zu müssen.

Ich bin ein großer Anhänger einer allgemeinen Schulpflicht. Schon aus Gründen der Chancengleichheit. Was mir bei Verantwortlichen, angefangen in den Bildungsministerien, bis teilweise hinab in die Schulleitungen aber häufig fehlt, ist ein Bewusstsein, dass diese Verpflichtung von Eltern und Schüler:innen, Zeit am „Ort Schule“ zu verbringen, auch Gegenleistungen verlangt.

Wenn der Staat Schüler:innen verpflichtet, Zeit in der Schule zu verbringen, muss er auch dafür sorgen, dass diese dort respektvoll behandelt werden, dort wirklich was lernen und dass sie dort sicher sind und genau hierbei gab es schon „vor Corona“ riesige Baustellen. Er muss dafür sorgen, dass Schüler:innen und Eltern diesem Bildungswesen vertrauen können.

Das alles fühlt sich gerade an, wie eine toxische Beziehung, in der ein Partner fortlaufend erklärt, nur das beste für den anderen zu wollen und diesen dann doch immer wieder schädigt, nur, dass einer der Partner der Staat ist und der andere Partner die Familien. Was soll man davon halten, wenn Bildungsministerien einerseits erklären, Präsenzunterricht sei wichtig, wenn diese andererseits aber keine ausreichenden Maßnahmen ergreifen, so dass dieser sicher gestaltet ist? Der so gestaltet ist, dass nicht in einer Woche 15.000 Schüler:innen und Mitarbeitende an den Schulen positiv getestet werden, wie es jüngst in Berlin vermeldet wurde?

Was soll man davon halten, wenn Eltern eingeredet wird, ihre Wahrnehmung der Situation sei einfach eine falsche? Wenn Amtsträger:innen und Behörden derart widersprüchlich und teilweise herablassend kommunizieren, wie die Regierende Bürgermeisterin kürzlich, als sie diejenigen, die schon vor Wochen vor der aktuellen Situation gewarnt haben, als „Team Besserwisser“ abqualifizierte, welches „hinterher immer schlauer“ sei?

Der Vater in mir schreit derweil. Der Rationalist auch. Der Elternvertreter in mir schreibt to-do-Listen, überlegt, wer alles angerufen werden muss und twittert auch irgendwas. Ich habe das Gefühl, in eine Senatssitzung platzen zu wollen, alle mal kräftig durchzuschütteln und sie zu fragen, ob sie noch alle Latten am Zaun haben, so mit 340.000 Berliner Kindern und Jugendlichen, deren Familien und den Beschäftigten in Schulen und Kitas umzugehen.

Die Bundesbildungsministerin twittert derweil, dass Präsenzunterricht wichtig sei. Wegen der „psychischen Folgen“ von „Schulschließungen“. Wegen der „Bildungsgerechtigkeit“. Und überhaupt auch wegen des „sozialen Umfelds“, das Kinder brauchen. Ich platze innerlich. Nicht, weil sie Unrecht hätte. Diese Positionen sind Banalitäten, vermischt mit der Quatschformulierung von der „Schulschließung“.

Wer mal auf dieses Bildungswesen geschaut hat, ohne dabei beide Augen zu verschließen, wird feststgestellt haben, dass es bereits vor der Pandemie an allen Ecken und Enden brannte. Dass „Bildungsgerechtigkeit“ unterm Strich nicht mehr ist, als eine nette Absichtserklärung, sondern dass Bildungschancen nach wie vor weitestgehend von der sozialen Herkunft abhängen und dass Mobbing und andere Gewalt unter Kindern und Jugendlichen Alltag in Schulen war und ist. Dass Schulen oft diskriminierende Orte sind und dass Diskriminierung allzu häufig nicht nur von Schüler:innen ausgeht. Dass all das auch bei Präsenzunterricht allgegenwärtig ist.

Die perfideste Behauptung während dieser gesamten Pandemie im Bezug auf das Bildungswesen war aus meiner Sicht, dass Bildungsgerechtigkeit und soziales Miteinander vor Allem am Faktor Präsenzunterricht hängen würden und nicht etwa an sozialen Schieflagen in der Gesellschaft, für die Bund und Länder auch schon „vor Corona“ keine Lösungen finden konnten, oder finden wollen und die man einfach in die Schulen delegiert hat. Die Sozialarbeit wirds schon richten.

Die öffentliche Infrastruktur für Famillien, Kinder und Jugendliche ist in einem miserablen Zustand. Das fängt schon vor der Geburt bei der Hebammenversorgung an, geht mit Kinderarztplätzen und Kitaplätzen weiter, hört bei den Zuständen in Jugendämtern nicht auf und mit der Qualität von Schulen, der Jugendarbeit allgemein, mit familiengerechtem und bezahlbarem Wohnraum und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf fange ich hier gar nicht erst an.

Diese Familienpolitk der netten Absichtserklärungen und halbgaren Gesetzesvorhaben setzt sich nun auch in der Coronakrise in Schulen und Kitas fort. Kinder und Jugendliche sind vorgeblich wichtig. Niemand wird öffentlich vernehmbar gegen sie entscheiden oder argumentieren, aber im Zweifel hat immer irgendwas anderes Priorität und Zuständigkeiten werden so weit gestreut, dass am Ende niemand mehr verantwortlich gewesen sein will. Sorry, Pech gehabt, liebe Familien.

Und wenn nix mehr hilft, erzählt man einfach dem einen Teil der Familien, die mangels Alternativen und familiengerechter Arbeitsbedingungen froh sind, dass die Kinder nicht zu hause bleiben müssen, einfach, dass die anderen Eltern, die fordern, dass Schulen sicher gestaltet werden (was Geld kosten würde), „Schulschließungen“ wollen würden. Viel Spaß beim nächsten Elternabend!

Da ist was kaputt gegangen bei mir. Ich hab immer annehmen wollen, dass es nur nicht gelingt, das alles besser zu machen, weil Ressourcen fehlen. Deshalb bin ich auch ehrenamtlich aktiv.

Mittlerweile denke ich immer wieder, dass das politisch auch gar nicht gewollt ist, das auf die Reihe zu bekommen. Nicht, weil Familien egal wären, aber weil andere Themen immer irgendwie gerade wichtiger sind.

Ich suche nach einem Weg, der nicht in Wut oder Resignation endet. Der mich möglichst objektiv beurteilen und entscheiden lässt, ohne zu vergessen, dass wir immer über Menschen mit menschlichen Bedürfnissen reden. Über Kinder und Jugendliche. Nach einem Weg der auch nicht in einem undifferenzierten „Alles Mist und perspektivlos“ oder gar Ignoranz aufgrund von Überforderung endet.

Vielleicht ist dieser Weg erstmal nur der, drüber zu reden und zu schreiben. Drüber reden, um nicht sprachlos zu werden. Immer wieder drüber reden und schreiben, um nicht in Wut zu verfallen. Drüber reden und schreiben, um Beschreibungen zu finden, mit denen man nach der Pandemie weiterarbeiten kann. Um nicht in Resignation zu verfallen.

Um der Erschöpfung nicht auch noch Ohnmacht hinzuzufügen.

Nach der Pandemie wird’s mehr als genug zu tun geben.

Post Author: MarcoFechner

Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und Berlins.

1 thought on “Drüber reden.

    Jan Kopfhammer

    (26. Januar 2022 - 7:56)

    Du sprichst mir aus der Seele. Am diesem Punkt war ich schon im Sommer 2020, als gegen alle Vorsicht wieder mit halbgaren Schutzmaßnahmen die Schulen geöffnet wurde.
    Damals habe ich mich sehr alleingelassen gefühlt, von Schule, Lehrern, anderen Eltern, Politik.
    Schön, inzwischen mehr Leute zu sehen, die es ähnlich empfinden.

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