„Die tun ja nix für mich!“

Ein Rant.

Ich kann es nicht mehr hören, dieses Gejammer.

„Die tun ja nix für mich“, „ich finde halt keine, die meine Ansichten zu hundert Prozent vertritt“, „Die sind doch eh alle unwählbar“ und so weiter. Ja, es geht um Parteien. Und mich nervt dieses Rumlamentieren, denn Ihr sitzt einem Irrtum auf:

Parteien sind kein Bestelldienst, sondern ein Teil, wenn nicht gar der wichtigste Teil der Bürgerbeteiligung und wir Erwachsenen sind auch keine trotzigen Dreijährigen, die wütend mit dem Fuß stampfen müssen, wenn ihnen Mamas und Papas Ansagen nicht passen. Demokratie ist kein Lieferdienst, sondern ein Betriebssystem, das es Dir ermöglichen soll, Deine Meinung in die politische Willensbildung einzubringen.

Wenn Du daran nicht teilnimmst, ist das kein Problem der Parteien, sondern Deines. Und wenn Du permanent darüber schimpfst, das „die“ „alle unwählbar“ seien, aber nichtmal erklären kannst, wer Dein Wahlkreisabgeordneter ist, geschweige denn, wo sein Bürgerbüro ist, dann frage ich mich, wer Deine Kritik ernst nehmen und vor Allem damit irgendwas sinnvolles anfangen soll.

Parteien sind kein Ponyhof. Du musst Dir Zeit nehmen, es gibt Menschen mit anderer Meinung, es gibt Menschen, die zwar auf Deiner Seite, aber nicht immer auf Deiner Linie sind (auch das ist Demokratie!) und am Ende braucht es ein Verfahren, in dem man sich einigt. Ja, das ist manchmal kompliziert, aber was soll es sonst sein in einem Land mit 80 Millionen Menschen?

Ich bin entsetzt, wie viele heute wieder der Meinung sind, man könnte denen die Demokratie durch Wahl oder Nichtwahl überlassen, die diese schleifen wollen. Am besten eine Partei für alle.

Ich weiss nicht, wie es in euren Familien in der Vergangenheit lief, aber meine eigene hatte sowohl in der DDR, als auch im Nationalsozialismus die Konsequenzen dafür zu tragen, dass „eine Partei für alle“ der Meinung war, zu wissen, was richtig für alle sei und auch entscheiden zu können, wer nicht dazugehört und wer wo hingehen darf oder auch nicht. Die entschied, wer was werden durfte, wer seinen Beruf nicht ausüben durfte, wer ausgeschlossen gehört und wen man erstmal auf Linie bringen müsse.

Im Vergleich dazu leben wir heute in einer Zeit beinahe uneingeschränkter Möglichkeiten. Die Frage ist nur, was jeder Einzelne daraus macht und wie sich jeder Einzelne mit anderen so organisiert, dass er oder sie in der Lage ist, hörbar zu werden, wenn es Probleme gibt, die alle betreffen.

Warum so träge? Der Alltag ist kompliziert und in Anspruch nehmend, aber warum soll es nicht möglich sein, an einem, zwei oder drei Abenden im Monat aktiv zu werden und sich einzubringen – nicht nur in irgendwelchen Kommentarspalten von social-media-Plattformen mit Leuten, die man nicht kennt, oder in sinnlosen Debatten mit Fakeprofilen?

Es gibt wirklich sehr viel zu tun, das leugne ich nicht. Aber es gibt auch sehr viele Möglichkeiten, sich (beispielsweise ehrenamtlich) einzubringen und konkret was im eigenen Umfeld zu tun (muss ja nicht gleich Parteiarbeit sein, sondern kann auch Mitarbeit in der Nachbarschaft, im Verein um die Ecke oder beispielsweise in der Elternvertretung der Schule der Kinder sein).

Diese „nützt ja nichts“-Mentalität macht mich mittlerweile nur noch sauer, weil sie nicht nur Blödsinn ist, sondern auch gleichzeitig all denen einen ignoranten Arschtritt gibt, die sich täglich irgendwo einbringen, sei es in der Nachbarschaftshilfe, in der Kinder- und Jugendarbeit, in Seniorenheimen, in Parteien, in Gremien, die sich um die eigene Kommune kümmern etc. Es gibt in Deutschland fast 15 Mio. ehrenamtlich Tätige, die sich bemühen, diese Gesellschaft zu organisieren (denn die Politik ist auch nicht für alles zuständig). Und denen tretet ihr in den Hintern, weil ihr euren nicht hochbekommt?

Politik und Gesellschaft sind kompliziert – gerade in der heutigen Zeit. Umso weniger verstehe ich es, wenn Leute der Meinung sind, sie könnten sich aus der eigenen Beteiligung abmelden, um danach zu lamentieren, dass sie nicht gefragt worden wären. Und es geht auch nicht nur um „mitreden“. Es braucht Leute, die auch mitmachen.

Schlechte-Laune-und-Demotivations-Sharepics bei Facebook zu teilen ist nicht „Demokratie“. Demokratie bedeutet nicht, permanent Feindbilder aufzubauen, auf denen man das eigene Unbehagen ablädt, sondern konstruktiv Verantwortung für das eigene Umfeld zu übernehmen, auch, wenn es erstmal nur dazu führt, dass es eigene Zeit kostet.

„Es braucht mal einen richtigen Umsturz“ liest man so und ähnlich in letzter Zeit sowohl von ganz rechts, als auch von ganz links in den sozialen Medien. Finde ich nicht. Als Familienvater will ich letztlich meinen Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen, dafür sorgen, dass sie gut ausgebildet werden, dass sie in der Lage sind, mit anderen klarzukommen, ich will meinen Teil zum Haushaltseinkommen beitragen und auch Zeit haben, um „Mensch“ in einem menschlichen Umfeld zu sein.

Dafür braucht es weder Revolutionen, noch irgendwelche Warnwesten, noch irgendwelche Leute, die permanent erklären, dass ja eh alles verloren wäre, die Welt den Bach runtergeht, sich alle gegen einen verschworen haben etc.

Ich verrate euch was: die Laune wird umso besser, je mehr man sich mit Leute zusammentut, die selbst in irgendeiner Form aktiv sind und am Ende schafft man sogar was. Und denen, die sich angeblich gegen Dich verschworen haben, bist Du mit großer Wahrscheinlichkeit ziemlich egal. Die Aufgabe kann es also nicht sein, Feindbilder zu pflegen, sondern sicht- und hörbar zu werden.

Was wäre in diesem Land los, würde die „ermüdete Mitte“ den Hintern hoch bekommen und versuchen, den Laden wieder auf Vordermann zu bekommen? Was wäre in diesem Land los, würde sich jeder dank eigener Beteiligung ein bisschen mehr eingebunden fühlen und sich um sein eigenes Umfeld kümmern? Worauf wartet ihr?

Die Zeiten, in denen man „eingebunden wird“, sind Gottseidank vorbei. Das macht es aber nicht unnötig, sich selbst einzubinden. Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber miteinander reden wäre ein guter Anfang und wenn wir dann noch aktiv irgendwas Konkretes dabei tun, dann…

Ich bin dann mal unterwegs.

Post Author: MarcoFechner