Covid-19, Elternvertretung und der tägliche Zweifel.

Als ich mich seinerzeit in die Elternvertretung habe wählen lassen, hatte ich etliche Ideen, Wünsche und Vorhaben. Dass ich mal dafür plädiere, dass Kinder zu Hause bleiben, statt zur Schule zu gehen und von Eltern statt von Lehrkräften angeleitet werden, gehörte nicht zu den denkbaren Szenarien.
 
Der Grund ist einfach: ich glaube an die Notwendigkeit eines staatlichen Bildungssystems für alle und ich bin der Auffassung, dass dieses bestmöglich ausgestattet und unterstützt werden muss. Deshalb hab ich mich als Elternvertreter zur Wahl gestellt.
 
Was ich kann: ich habe vor 20 Jahren eine Ausbildung gemacht (und danach jahrelang im Job Berufserfahrung gesammelt), um zu wissen, wie man eine Verwaltung bei ihren eigenen Vorschriften packt. Und ich hab auch lang genug“was mit Medien“ gemacht, um zu wissen, wie man Transparenz herstellt (nichts hassen Verwaltungen mehr, als den sinnbildlichen Scheinwerfer auf ihr Treiben…).
 
Was ich nicht bin: Lehrkraft und/oder Virologe. Muss ich auch nicht sein, denn dafür gibt’s ausgebildete Fachleute. Was ich können muss: Informationen einordnen und Risiken abwägen. Und egal, wie man es dreht und wendet: am Ende sucht man in der aktuellen Situation immer nur nach der besten aller schlechten Varianten. Oder sehr kurz formuliert: Präsenzbeschulung vs. Infektionsschutz.
 
Studien gibt es mittlerweile einige. Allen gemein ist eine überschaubare Datenbasis, weil das Virus und seine Mutationen noch relativ neu sind. Man sieht Korrelationen, kann aber nicht feststellen, ob es Kausalitäten sind und auf dieser Basis soll man Entscheidungen treffen.
 
Hinzu kommt die Verkürzung der Debatte auf „Auf“ oder „Zu“, die auch den meisten Fachpublikationen nicht gerecht wird. Früher hatten wir die Diskussion „Stones oder Beatles“, heute ist es Drosten oder Kekulé.
 
Mein persönliches Fazit: unsere Kinder haben ein Recht auf guten Unterricht. Und sie haben ein Recht darauf, dass dieser für sie selbst, für ihre Eltern und für die Pädagog*innen der Schulen sicher ist. Ich halte nichts davon, Risiken durch bewusste Entscheidungen einzugehen, die dazu führen, dass Menschen Schäden nehmen. Ich halte auch nichts von Debatten, die darauf abzielen, das Recht der Kinder auf Unterricht und das Recht aller Beteiligten auf körperliche Unversehrtheit gegeneinander auszuspielen.
 
Es braucht beides, aber beides in Kombination wird es vorerst nicht geben.
 
Insofern ist eine Priorisierung nötig und die ist für mich folgende: ich bin eher bereit, mich für ausgefallenen Unterricht, als für verstorbene, oder schwer geschädigte Kinder, Angehörige und Pädagog*innen zu rechtfertigen.
 
Was allerdings auch bedeutet: wenn diese Pandemie vorbei ist, muss die Arbeit auf allen Ebenen im selben Tempo wie derzeit weitergehen.
 
Es gibt sehr viel Schönrednerei im Bezug auf die Ergebnisse der Fernbeschulung (vor Allem in den Kultusministerien und in Teilen der Lehrer*innenschaft).
 
Fakt ist, dass die ohnehin schon sehr großen Ungleichheiten im Deutschen Bildungssystem durch die Lockdowns noch vergrößtert wurden. Wir haben beispielsweise mittlerweile zwei Einschulungsjahrgänge (2019/2020 und 2020/2021), deren Alphabetisierungsphase erheblich gestört ist und das werden diese Kinder mitschleppen, wenn nicht nachgesteuert wird.
 
Auch in allen anderen Jahrgängen wird es Bildungslücken geben, die geschlossen werden müssen. Bei den einen wird es schneller gehen, bei den anderen länger dauern und ganz sicher wird hierbei auch der soziale Status der Herkunftsfamilien beim Gelingen eine Rolle spielen. Hinzu kommen soziale Verwerfungen, die die Lockdowns mit sich bringen und die psychologischen Auswirkungen auf alle Beteiligten inkl. der Kinder.
 
Alle „an Schule Beteiligten“ werden auch nach der Pandemie gut zu tun haben und die Politik darf sich „danach“ nicht aus der Verantwortung hierfür und aus dem Rampenlicht verabschieden. Medien und auch Elternvertretungen werden dafür Sorge tragen müssen, dass das nicht gehen wird.
 
Aber was ist nun mit Lockerungen?
 
Ich bin für einen schrittweisen Wiedereinstieg in den Präsenzbetrieb, wenn Infektionsketten wieder nachvollziehbar sind, denn nur dann funktionieren auch die Hygienekonzepte der Schulen, die auf dem Prinzip der Kohortentrennung basieren.
 
Bis dahin braucht es vernünftige Standards für das „Schulisch angeleitete Lernen zu Hause“, und diese müssen auch eingehalten und nachgehalten werden. Die Standards zwischen den Schulen und selbst innerhalb der Schulen sind einfach zu groß. Es ist ungerecht, wenn Klasse A regelmäßigen Unterricht per Videokonferenz mit der Klassenleitung hat und Klasse B sich mit Arbeitsblättern und zwei Anrufen pro Woche zufrieden geben muss.
 
Es gibt Publikationen, die zum aktuellen Zeitpunkt einen Wiedereinstieg für vertretbar halten und die von einigen als Beleg angeführt werden, um JETZT öffnen zu können, wie beispielsweise die aktualisierte Stellungnahme der DGPI.
 
Was allerdings oft übersehen wird: für die Öffnungen werden auch Bedingungen an den Infektionsschutz formuliert, die von sehr vielen Schulen organisatorisch, personell oder infrastrukturell nicht gestemmt werden können.
 
Debatten über Luftreinigungsgeräte, versetzte Beginnzeiten zur Entzerrung des Personenverkehrs in den Gebäuden, Schnelltestungen etc. machen Spaß, weil sie Perspektiven aufzeigen, allerdings haben sie oft mit der Realität von Personalmangel, Ausschreibungsfristen und heruntergewirtschafteten Schulgebäuden wenig zu tun.
 
Oder um es auf den Punkt zu bringen: unser Bildungssystem steht nicht kurz vorm oft zitierten Zusammenbruch, sondern es ist trotz großem Engagements sehr vieler Akteure zusammengebrochen (zumindest, wenn man noch Ansprüche an Unterrichtsqualität und Bildungsgerechtigkeit hat). Im Moment retten die Schulen das, was mit den begrenzten Mitteln bei ihnen noch aufrecht gehalten werden kann.
 
Ob ich Zweifel habe? Regelmäßig. Unser Fünfjähriger, der nun schon seit Wochen nicht in der Kita war, hat mich heute wieder traurig angeguckt und „Scheiss Corona“ geflucht. Unsere Große retten wir via Zoom mit ihren Freund*innen durch diese Zeit. Dazu die Fernbeschulung, Homeoffice, teilweise Einkommenseinbußen wegen Kurzarbeit, die Umstände des permanenten Aufeinanderhockens durch die Kontaktbeschränkungen und die fehlenden Möglichkeiten „draußen“ was anderes zu unternehmen, als spazieren zu gehen etc.
 
Das ist ganz große Kacke und irgendwo hat sich auch mein Biorhythmus verkrochen und kommt nicht wieder raus aus seinem Versteck.
 
Aber:
 
es hilft nix. Corona wäre für den Sohn vermutlich noch mehr „Scheisse“, wenn irgendwer dran stirbt (hatten wir im vergangenen Jahr im Bekanntenkreis…) und den Unterrichtsstoff der Tochter arbeiten wir irgendwie und irgendwann nach.
 
Alles Weitere wird in der Elternarbeit entschieden. Jetzt und nach der Pandemie. Dranbleiben ist wichtig. Und diejenigen zu unterstützen, die nicht das Privileg eines Homeoffices haben.
 
Weiter gehts.
 
Gute Nacht.

Über MarcoFechner 45 Artikel
Jahrgang 1984, Vater von zwei Kindern, Ehemann, Berlin-Pankower, gelernter Verwaltungsfachangestellter, Mützenträger und glücklicher Inhaber eines Berliner Dialekts. Verbringt viel Zeit in den Elternvertretungen seiner Schule, der des Bezirks Pankow und der Berliner Landeselternvertretung.