Bildungspolitik: Wo bleibt der Aufstand der Eltern, der Lehrkräfte und der Schüler*innen?

Je länger ich in unserem Bildungssystem aktiv bin, umso mehr gewinne ich den Eindruck, dass wir uns in einem Reparaturbetrieb befinden, in dem es eigentlich nur darum geht, dafür zu sorgen, dass der Laden nicht auseinanderfliegt.

Was die Politik Schüler*innen, Lehrkräften und Eltern zumutet, ist eine Frechheit, die an strukturelle Gesundheitsgefährdung grenzt. Ich bin und war in den vergangenen Jahren in verschiedensten Gremien aktiv:

Elternvertretung in Kita und Schule, Bezirkselternvertretungen, Landeselternausschuss Schule etc. und es sind immer wieder die gleichen „Diagnosen“: zu wenig Geld, zu wenig Personal, zu viel Bürokratie, permanent irgendwelche Evaluationen, die Zeit kosten und schließlich doch wieder in den Mühlen der Ämter und Senatsverwaltungen versanden, zunehmende Krankheitsstände bei Kindern und Lehrkräften, davon psychische Erkrankungen in einem Maße, das es einem schauert.

Die Schulgebäude sind in einem Zustand, für den man sich als Bürger schämt und als Vater, der seinen Kindern das als „Bildungseinrichtung“ anbietet nochmal mehr.

Man stellt sich die Frage, welche „besten Akademiker“ wir eigentlich für den Schuldienst gewinnen wollen, wenn diese im Anschluss in diesen Gebäuden unterrichten sollen (liebe Bildungspolitiker, ihr steht in Konkurrenz mit Firmen, die Akademiker nicht in Bruchbuden arbeiten lassen!).

Welchen Wert von „Bildung“ vermitteln wir eigentlich unseren Kindern, wenn Friedhöfe besser geflegt sind, als viele Schulgebäude?

Und wie will „Schule“ eigentlich unsere Kinder auf die Jahre 2030ff. beruflich vorbereiten, wenn wir methodisch noch tief im zwanzigsten Jahrhundert stecken und technisch noch nichtmal den Stand erreicht haben, den wir Anfang der 2000er hätten haben müssen?

Der „Digitalpakt“ ist schön, aber wie verriet es mir und Anderen kürzlich ein dänischer Referent, der in Berlin als Schulleiter gearbeitet hat? „Ihr hängt 20 Jahre hinterher“. Der „Digitalpakt“ wird (sofern wir es in Berlin schaffen, ihn bis zum Ende des Finanzierungszeitraums 2024 administrativ umzusetzen, *lol*) dazu führen, dass wir 2024 einen technischen Stand erreichen, den wir etwa 2005 hätten haben müssen.

Es geht noch nichtmal um eine technische Vollausstattung, sondern darum, dass wir es vielleicht hinbekommen, alle Schulen mit einem vernünftigen Internetanschluss auszustatten. Und dann müssen wir noch daran denken, dass „Digitalisierung“ sich nicht darin erschöpft, dass wir unsere Schulen mit digitalen Endgeräten ausstatten, sondern dass es wesentlich darum geht, Lehrkräfte und Schüler*innen methodisch fit zu machen.

Wie bekommen wir es hin, unser Bildungssystem von einem wissensbasierten hin zu einem kompetenzbasierten Bildungssystem zu entwickeln? Oder um es weniger akademisch zu formulieren: „Genies“ (Annegret Kramp-Karrenbauer auf dem zurückliegenden Bundesparteitag der CDU), die im Jahr 2030 als Ingenieur*innenbestehen können, bilden wir nicht aus, indem wir so tun, als hätten wir das Jahr 2005.

Klar kann man als Bildungsverwaltung Folien und Powerpoints (*lol*) vollschreiben und geile Visionen entwickeln, das geht aber oft völlig an den Kapazitäten der Schulen vorbei, ergo muss man diese in vielerlei Hinsicht umgehend besser ausstatten.

Wir brauchen in den Schulen die besten Leute und externes know-how (damit Lehrkräfte die „Digitalisierung“ nicht noch „nebenbei erledigen“ müssen, sondern Wissen, Personal und Infrastruktur gestellt bekommen) und wir müssen auch diese externen Mitarbeiter*innen infrastrukturell bestmöglich ausstatten, wenn wir im Jahr 2030 ankommen wollen. Es ergibt keinen Sinn, Schulen auf dem Papier irgendwelche „Beauftragten“ für alles Mögliche überzuhelfen, wenn das dann doch wieder „nur“ Lehrkräfte sind, die ihre knappe Freizeit dafür opfern müssen, sich mit irgendwelchen Themen zu befassen, für die die Bildungsverwaltung keine Experten anstellen will.

Wir müssen unsere Lehrkräfte vielmehr drastisch entlasten und ihnen das ermöglichen, wofür sie ausgebildet und eingestellt wurden: dafür, guten Unterricht durchzuführen. Wir hatten in Berlin im Schuljahr 2018/2019 eine Quote von 12,7% bei Zehntklässlern, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben. Mehr als jeder Achte bekommt es also nach zehn Jahren Schulbesuch nicht hin, einen Schulabschluss zu erwerben. Und das in Berlin (…).

Das ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung. All diese Probleme erinnern mich an ein multiples Organversagen, bei dem einzelne Maßnahmen nicht mehr funktionieren und ich gebe zu, selbst keine Antwort darauf zu haben (allerdings ist das auch nicht meine Aufgabe als Elternvertreter, sondern die von Leuten, die dafür sehr gut bezahlt werden). Was ich aber immer wieder erlebe, ist, dass sich die Bildungsverwaltung selbst im Weg steht.

Die Schulen sehen zu, dass sie ihren Betrieb trotz aller Widrigkeiten und unter Zuhilfenahme der Elternschaften und sehr oft auch privater Fördervereine (danke!!!!) auf die Reihe bekommen, während Bezirksämter und Senatsbildungsverwaltung fleißig Arbeitskreise gründen, die zwar viel Arbeit verursachen, aber Lösungen im Ergebnis weiter verzögern und deren Berichte das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind („Taskforce Schulbauoffensive“). Es ist frustrierend.

Was mich für die ehrenamtliche Gremienarbeit aber dennoch motiviert: man kann in der Schule für die Kinder Einiges ausrichten, was die Lage zumindest abfedert und irgendwie auch das Gefühl, dass Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern dann doch wieder in einem Boot sitzen und man da nicht einfach aussteigen kann.

Heute Abend werde ich mit Anderen am „Bezirksschulbeirat Pankow“ teilnehmen, nachdem ich den zurückliegenden Freitagabend erst im Landeselternausschuss verbracht habe. Das ist o.K., aber ich erwarte, dass auch die Bildungspolitik endlich substanziell den Allerwertesten hochbekommt. Reformen gehen nicht von heute auf morgen, das ist klar – zumal in einem so komplexen System wie der Bildungspolitik, aber die SPD Berlin stellt seit 25 Jahren Bildungssenator*innen und die aktuelle Amtsinhaberin ist seit bald 10 Jahren im Amt. Warum hängen wir insbesondere in Berlin derart hinterher, verheizen Lehrkräfte und Schüler*innen und haben dennoch eine Schulabbrecherquote jenseits von Gut und Böse, während Wirtschaftsverbände seit Jahren klagen, dass auch  Jugendliche MIT Abschluss oft Probleme haben, ihren Einstieg in den Ausbildungsalltag zu finden und dass Schulstoff oft nachgearbeitet werden muss und dass Lernkompetenzen fehlen?

Unser Bildungssystem hängt nicht nur unsere Kinder ab, sondern letztlich unsere gesamte Gesellschaft. Wir haben ein Problem.

Und zu guter Letzt: bitte entschuldigt die Defizitorientierung in diesem Posting, aber das muss man so ansprechen und auch ansprechen können. Zweckoptimismus in Sachen „Bildung“ gibts heute Abend wieder. Aber eine Frage noch:

 

Wo bleibt der Aufstand der Eltern, der Lehrkräfte und der Schüler*innen?