Alte Mauern, neue Mauern.

Als die Berliner Mauer am Abend des 09. November 1989 geöffnet wurde, lebte meine seit dem August 1961 getrennte Familie nicht mehr nur theoretisch in der gleichen Stadt und unter Anderem hatte meine Oma ihre Mutter und ihre Brüder wieder.

Der Rest dieses Unrechtsregimes verschwand bis Ende 1990. Wenn ich heute durch Berlin laufe, sind die Relikte von 28 Jahren Teilung immer noch in vielerlei Hinsicht ziemlich deutlich erkennbar und das ist als Mahnung eigentlich ganz gut, finde ich. Was mich allerdings beschäftigt:

Nachdem wir DIESE Mauer im Herbst ’89 losgeworden sind, haben wir schon vor geraumer Zeit angefangen, neue Mauern zu bauen. Mauern, die die Stadt und ihre Gesellschaft nicht in der Mitte teilen, sondern die diese in „oben“ und „unten“ aufteilen. Am plakativsten sieht man das vermutlich an der Entwicklung der Wohnungspreise: Berlin wird exklusiv und das ist keine Entwicklung, die so hingenommen werden darf, weil „der Markt“ das halt so macht mit Groß- und Hauptstädten. Es geht nicht um anonyme „Märkte“, sondern um Menschen und ihre Lebensentwürfe. „Dann zieh halt an den Stadtrand“ ist keine adäquate Antwort, denn es geht auch um gewachsene Freundschaften und Nachbarschaften in Kiezen.

Berlin ist überschuldet und wird zeitgleich wahnsinnig teuer. Ich kann heute theoretisch überall hinziehen, könnte es mir aber selbst als Durchschnittsverdiener nichtmal mehr leisten, meine jetzige Wohnung neu anzumieten, geschweige denn, dass ich mir vorstellen kann, dass meine Kinder irgendwann in 10+x Jahren mal eine bezahlbare Wohnung in ihrer Geburtstsstadt finden.

Ich kann mir theoretisch aussuchen, ob ich mein Kind auf eine der vielen schlecht ausgestatteten staatlichen Schulen schicken möchte, oder auf eine, in der nicht der Putz von den Wänden fällt und reihenweise Lehrkräfte fehlen. Allerdings stellt sich dann auch die Frage, wo man als Normalverdiener nicht nur das Geld für eine zu teure Miete, sondern auch die Kosten für die Privatschule herbekommt.

Wir könnten beispielsweise auch 1.000 Euro mehr Miete im Monat zahlen, damit wir endlich eine Wohnung haben, die groß genug ist, oder aber damit zwei Privatschulplätze finanzieren, aber dann wär’s das auch mit Urlaub und Kinobesuchen und allem, was man sonst noch landläufig „soziale Teilhabe“ nennt.

Derlei Beispiele gibt es zu Hauf und sie betreffen nicht nur BerlinerInnen, sondern sehr viele Menschen im gesamten Bundesgebiet. Und sie machen sich nicht nur an Mieten und am Bildungssystem fest.

Diese neuen Mauern teilen unsere Gesellschaft unter Anderem in diejenigen mit guten Chancen und diejenigen mit wenigen Chancen ein und da kann man noch so oft das falsche Mantra des angeblich durchlässigen Bildungssystems oder die Mär von der Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen vorbeten. Da ändert sich unter den gegebenen Umständen nichts dran. Ähnliches ließe sich über Erwerbs- und Altersarmut sagen…

Die Beine auf dem Foto gehören zu meiner Tochter und das Bild habe ich im Herbst vergangenen Jahres in der Nähe des Brandenburger Tores an einer der Markierungen des ehemaligen Mauerverlaufs gemacht. Ich konnte ihr (altersentsprechend) erklären, was es mit der Mauer auf sich hatte (und ich freue mich immer noch riesig, dass diese wieder weg ist). Was ich mich allerdings zunehmend frage:

Was kann ich tun, um die Mauern gewaltfrei einzureißen, die meine Kinder heute in ihren Möglichkeiten begrenzen? Und wie bekommen wir die Mauern zwischen den sozialen Schichten und auch zwischen den Generationen aufgelöst, wenn es um die Frage geht, auf welche Vorstellung von „Zukunft“ man sich einigt und dann darauf hinarbeitet?

Wie sähe die Zukunft aus, hätten wir wirklich, wirklich Lust darauf?